Kultur : Schönheit, die von außen kommt

Früher sollten die Falten weg. Heute wollen Jugendliche aussehen wie ihre Idole. Eine Kulturgeschichte der Schönheitsoperation

Patricia Wolf

Hier geht es um Schönheit. Um Laserstrahlen und das Nervengift Botulinum-Toxin-A, Facelifting und Lunchtime-Peel, um Kollagen und Skalpelle, Blutungen und Wundinfektionen, Nasenkorrekturen, Fettabsaugen, Silikonimplantate, Körperkonturierung, Lidstraffung. Um eine junge Amerikanerin, die sich 38 Mal auf den Operationstisch legte, um als neuer Mensch aufzustehen. 38 Mal Spritzen, Kanülen, Wundverbände, angeschwollene Gliedmaßen, starke Schmerzen. Warum ist Ekel, wo eigentlich Schönheit sein sollte?

Frauen, verbrennt Eure BHs!, hieß die Parole Anfang der Siebziger. Und die junge deutsche Frau warf ihr Brustgeschirr mitsamt Lippenstift in die Tonne. Sie wollte sich nicht länger dem Diktat des männlichen Blicks unterwerfen. Die Befreiung aus Rollenzwängen, die die 68-er in Frage stellten, erlaubte ihr nicht nur, ihren Ehrgeiz auf die mit Männern besetzten Chefetagen zu richten. Sie war auch nicht länger bereit, sich zum Sexualobjekt degradieren zu lassen. Sie wollte frei und autonom leben. Da war der BH nur sichtbarer Ausdruck des Zwanges, unter dem sie bisher gestanden hatte. Rasierte Achselhöhlen und Beine, wie sie in den südeuropäischen Ländern selbstverständlich waren, galten nun als Eingriff in die Natur. Noch in den achtziger Jahren brachten Lidschatten und Lippenstift Studentinnen in schweren Tussiverdacht.

Und heute? Jedes fünfte deutsche Kind zwischen 9 und 14 Jahren hat schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich unters Messer zu begeben. Laut einer Emnid-Umfrage würden die Kinder sich vor allem Fett absaugen lassen. In der gleichen Befragung gab jedes vierte Kind an, sich zu dick zu fühlen, Mädchen häufiger als Jungen. Der letzte Schrei in den USA ist „The Swan“, eine TV-Show des Senders Fox News. 16 Frauen leben dort gemeinsam viele Wochen im Dienste der Schönheit in einem Camp in Kalifornien. Dort werden sie für tausende Dollar dutzendfach operiert; Friseure, Fitness- und Ernährungsberater stehen ihnen zur Seite. Es gibt keine Spiegel im Camp, und die Frauen wissen nicht wirklich, was sie erwartet, wenn sie sich danach zum ersten Mal wieder sehen. Manche erkennen sich selbst nicht wieder. Nach ihrer Verwandlung treten sie in einem Wettbewerb gegeneinander an, Sendung für Sendung wird eine Kandidatin rausgewählt, übrig bleibt eine – der Schwan.

Es gehört zur menschlichen Identitätssuche, von sich ein Bild zu erschaffen, für das Ich einen äußerlichen Ausdruck zu finden. Deshalb funktioniert die MTV-Sendung „I want a famous face“, in der sich junge Menschen vor laufender Kamera einer Schönheitsoperation unterziehen. Um am Ende auszusehen wie Jennifer Lopez, Brad Pitt oder Elvis Presley. Was ist passiert, seit BH und Schminke auf dem Müll gelandet sind? Sind wir alle Marionetten der Werbeindustrie geworden, oberflächliche Geschöpfe, denen es nur noch um Äußerlichkeiten geht? Wird der Druck auf den Einzelnen wachsen, seinen Körper zu optimieren?

Nun kann man die Möglichkeit zur Operation als Chance begreifen. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit muss die von der launischen Natur uns zugedachte Nase nicht länger einfach so hingenommen werden. Menschen, die Angst vor dem Zahnarzt haben, begeben sich nun freiwillig und bei vollem Verstand auf den Operationstisch, um sich mit Kanüle, Skalpell oder Meißel malträtieren zu lassen. Und es sind gerade junge Menschen, die meistens nicht viel Geld, aber einen großen Glauben an die Technik und ihre Möglichkeiten haben, die sich für die Sendungen bewerben.

Und weil es längst nicht mehr das Privileg von Stars ist, sich zehn Jahre jünger oder 15 Kilo schlanker machen zu lassen, hat die Schönheits-OP als Statussymbol ausgedient. Marina, 21, und Germanistikstudentin, hat monatelang gekellnert, um sich eine neue Nase leisten zu können. Iris, 37, hatte nach zwei Schwangerschaften und einem schlaffen Bauch Angst, dass ihr Mann sie nicht mehr attraktiv finden könnte. Zwei Jahre lang hat sie heimlich gespart, um eine Fettabsaugung bezahlen zu können. Es sind Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Verwaltungsangestellte. In Amerika hatte der Großteil der Haushalte, in denen sich im Jahr 2002 jemand einem Eingriff unterzog, ein Durchschnittseinkommen von unter 50000 Dollar.

Schon ist die neue Nase als Geschenk zum erfolgreichen Schulabschluss auch bei Teenagern salonfähig. In Großbritannien kursiert der Begriff Silikongeneration für die stetig wachsende Gruppe junger Mädchen, die glauben, nur mit großem Busen im Leben Erfolg zu haben. Sie wollen sich vom Diktat ihres Körpers befreien. Das dachte sich auch die 15-jährige Jenna Franklin aus Nottinghamshire, unzufrieden mit ihrer Körbchengröße A: „Ich habe lange gebetet, dass mein Busen wächst. Dann dachte ich: Was nützt das, ich kann mich auch jederzeit operieren lassen.“ Jenna hoffte, durch eine große Oberweite Selbstvertrauen zu gewinnen und überredete ihre Eltern, beide im Schönheits-Business, ihr zum 16. Geburtstag eine Brustvergrößerung zu schenken. Erst der Arzt lehnte den Eingriff mit dem Argument ab, dass die körperliche Entwicklung noch gar nicht abgeschlossen sei. Das halbe Königreich diskutierte über Sinn und Unsinn solcher Eingriffe bei Teenagern. Die Eltern machten einen Rückzieher, das ist jetzt drei Jahre her.

Doch nicht nur Jugendliche sind körperlich irritiert. Der moderne Mensch, herausgelöst aus traditionellen Bindungen und Wertegemeinschaften wie Familie, Kirche, Partei und Vereinen, befindet sich seit Ende der fünfziger Jahre in einem Prozess der Individualisierung. Wurde sein Lebensweg bisher durch Tradition und Konvention bestimmt, ist er nun für sein Leben allein verantwortlich. Er hat zwar eigene Optionen für seine Lebensgestaltung, trägt zugleich aber das Risiko des Misslingens. Das gilt auch für den eigenen Körper: Meine Nase, Brüste, Lippen gehören nicht mehr schicksalhaft zu mir, werden zu Objekten. Hungern ist eine Möglichkeit, die Kontrolle wiederzuerlangen. Der nur folgerichtige Schritt ist eine Operation.

In einer Zeit, in der eine Berufsbiografie nicht mehr vorgegeben ist, die lebenslange Anstellung bei einem einzigen Arbeitgeber der Vergangenheit angehört, wächst der Druck, sich als Ware Arbeitskraft auf dem Markt bestmöglich zu präsentieren. Und da habe der vitale, durchtrainierte Typ mit dem durchsetzungsstarken Kinn einfach größere Chancen als der schlaffe, dickliche Bewerber, dem man keine Willenskraft zutraut. Wer noch nicht mal in der Lage ist, sein Übergewicht zu reduzieren, wie soll der wichtige Entscheidungen treffen können? Attraktivität wird mit Leistungsfähigkeit gleichgesetzt und gesellschaftliche Anerkennung mit Schönheit.

Perfekte Models mit schlanken, bronzenen Revuekörpern erinnern ständig daran, wie unvollkommen wir anderen sind. Sie tragen ein Lächeln auf den üppigen Lippen, das uns von einem begehrenswerten Leben erzählt. Und wir hetzen nach der Arbeit in den Fitnessclub, um unsere schlaffen Büro-Körper zu straffen. Denn in unserer protestantischen Kultur wird es durchaus anerkannt, wenn man für seine Schönheit etwas leistet. Sich einfach passiv auf den OP-Tisch zu legen, gilt dagegen als Betrug. Eine amerikanische Kolumnistin polemisierte einmal, dass in Hollywood oder New Yorks Upper East Side kaum einer mehr wisse, wie eine 55-jährige Frau wirklich aussähe.

Die Geschichte eines modernen Aschenputtels ist die der Amerikanerin Cindy Jackson. Wenige von Cindys Körperteilen sind noch nicht mit Skalpell oder Kanüle in Berührung gekommen. Die keineswegs hässliche Farmerstochter aus Ohio – man kann das auf ihrer Website sehen – ließ sich das erste Mal mit Anfang 30 operieren. Dank eines finanziellen Erbes konnte sie ihr lästiges genetisches Erbe verschwinden lassen: Die ungeliebten Augen wurden in Form gebracht, die schweren Hängelider entfernt. Das waren die ersten drei Operationen. Es folgten zwei „nose jobs“, später wurden die Lippen aufgespritzt, die Wangenknochen aufgepolstert, das Kinn wurde kleiner und feiner gemeißelt, an verschiedenen Körperteilen wurde Fett entnommen, den Brüsten etwas hinzugefügt. 16 Jahre und 38 Eingriffe später sieht Cindy, die von sich sagt, dass ihr Leben mit einer geschenkten Barbie begann, dieser Puppe verblüffend ähnlich. Was aber bleibt von einer Person übrig, an deren früheres Äußeres nichts mehr erinnert? In Vorträgen und Büchern erzählt Cindy selbstbewusst ihre Geschichte. Das ist mitnichten üblich. Zwar ist ein Eingriff schon lange kein gesellschaftliches Tabu mehr, doch nur wenige US-Stars sind bereit, darüber öffentlich zu sprechen wie die Sängerin Cher. Britney Spears ließ sich mit 17 Jahren ihre Oberweite zu einem Silicon Valley vergrößern – öffentlich zugegeben hat sie es nie. Werden deutsche Schauspielerinnen nach den Geheimnissen ihrer Schönheit befragt, lautet die Antwort: viel Schlaf, viel Wasser, viel frische Luft, keine Zigaretten, täglich Yoga. Und da wundern sich manche, warum so ein Programm bei ihnen nicht den gleichen Effekt hat.

In Deutschland werden jährlich rund 400000 Schönheitsoperationen durchgeführt. Experten rechnen damit, dass diese Zahl sich in diesem Jahr auf eine Million erhöhen wird. Jeder sechste Deutsche sei bereit, sich für seine Schönheit in den OP zu begeben. In der Altersklasse der 14-bis 29-Jährigen sogar jeder vierte. Im vergangenen Jahr haben sich auch rund 50000 Männer unters Messer gelegt. 18- bis 35-Jährige lassen sich die Nase korrigieren, Fett absaugen oder die Brüste vergrößern, ab 45 geht es darum, die Zeichen der Zeit zu tilgen: Tränensäcke, Schlupflider oder das Doppelkinn müssen dran glauben.

Obwohl die Methoden sich verbessert haben und die Materialien verträglicher geworden sind, ist es immer noch nicht ungefährlich, sich einer solchen Prozedur zu unterziehen. Gerade beim Fettabsaugen, der Liposuktion. Wenn es nur hässliche Dellen oder Krater in der Haut wären! Doch in etwa zehn Prozent der Fälle treten Taubheitsgefühle,Wasseransammlungen unter der Haut oder starke Schmerzen auf. Manche Operateure und Patienten verstehen den Eingriff als generelles Mittel gegen Fettsucht. Aber Fettabsaugen funktioniert nicht so einfach wie Staubsaugen. Jedes Mal entstehen große Wundflächen, die nachbluten oder sich schnell infizieren können, wenn die Hygienestandards nicht peinlich eingehalten werden. Der Facharzt für Plastische Chirurgie hat mindestens eine sechsjährige Zusatzausbildung durchlaufen – doch darf jeder Mediziner operieren. So verkleinern heute Kieferchirurgen Brüste, Orthopäden liften das Gesicht. Allein in Deutschland bezahlen bis zu 50 Patienten bei jährlich rund 150000 Liposuktionen mit ihrem Leben.

Am Ende des 19. Jahrhunderts diente die Veränderung des Körpers vorwiegend der Integration. Irische Einwanderer in die Vereinigten Staaten ließen sich in ihrer neuen Heimat ihre kurze, breite Stupsnase in eine englische Nase umwandeln, um nicht sofort als Iren erkannt und diskriminiert zu werden. Die Juden ließen sich ihre vermeintlich typischen Nasen in „arische“ Nasen ummodellieren. Doch reicht die moderne ästhetische Chirurgie bis in das ausgehende 16. Jahrhundert zurück. Als ihr Vater gilt der Bologneser Chirurg und Anatom Gaspare Tagliacozzi. Er hat ein revolutionäres Verfahren, die so genannte italienische Methode der Nasenrekonstruktion entwickelt. Nasen, durch Verletzung oder durch Krankheiten wie Syphilis zerstört, konnte er mit dem Eigengewebe der Patienten wieder herstellen. Und die Betroffenen entgingen ihrer Stigmatisierung. Doch damals war der Glaube an Gottes Werk und Teufels Beitrag allmächtig: Verformungen wie auch Verletzungen galten als gerechte Strafe Gottes für ein wie auch immer geartetes Vergehen. Tagliacozzi wurde verbannt.

Wie ist es gekommen, dass sich innerhalb der letzten drei, vier Dekaden unsere Einstellung zum eigenen Körper so grundlegend gewandelt hat? Jugend ist sexy, Jugend war schon immer Kult – jedoch seit Jugend ein immer selteneres Gut in der älter werdenden deutschen Gesellschaft ist, steigt ihr Wert ins Unermessliche.

So wie die Liebesehe in der bürgerlichen Gesellschaft erfunden wurde, ist der formbare Körper eine Erfindung der Individualisierung. Körper wird als Instrument der Selbstinszenierung betrachtet. Cindy Jackson bezeichnet ihren Körper vor seiner Verwandlung als „Rohmaterial“. Doch paradoxerweise streben im Zuge der Individualisierung immer mehr Menschen danach, sich einem allgemeinen Ideal anzugleichen. Alle wollen das gleiche: gertenschlank sein. Und Frauen wollen dabei trotzdem einen großen Busen haben. Galt jahrelang Körbchengröße 75 B als Standard, ist nun 75 C das Maß aller Dinge. Alle wünschen sich große Augen, volle Lippen, kleine, schmale Nasen. Das Ideal weiblicher Schönheit war schon immer entscheidend vom Kindchenschema geprägt: hohe Stirn, große Augen, kleine Nase, kleines Kinn, runde Wangen. Die abendländische Malerei ist bevölkert von kindlich anmutenden Frauengesichtern. Und weltweit floriert das lukrative Geschäft mit der Schönheit. Es gibt Zentren in Israel, Brasilien oder Südkorea, das Land mit der höchsten pro-Kopf-Quote von Schönheitschirurgen weltweit, in denen umfassende ästhetische Eingriffe vorgenommen werden. Und noch gibt es landestypische Unterschiede, trotz Globalisierung: Argentinien hat beispielsweise die höchste Silikonrate der Welt, denn das Ideal dort ist die vollbusige Europäerin. In Brasilien wiederum wird ein großer Busen mit der Zugehörigkeit zur schwarzen Bevölkerung verknüpft, und dementsprechend ist die Zahl der Brustverkleinerungen sehr hoch.

Trotz einiger Konstanten unterliegt unser Schönheitsideal einem stetigen Wandel, unsere Wahrnehmung dessen, was wir als zumutbare Grenze empfinden, verschiebt sich stetig. Gelten heute unrasierte Achseln oder ein Gebiss mit schief stehenden Zähnen mitunter als ungepflegt, könnten in fünf bis zehn Jahren eine Nase mit einem Höcker, Hüftspeck oder Körbchengröße A als „indiskutabel“ betrachtet werden. Was also ist Schönheit?

In zehn bis 20 Jahren wird das Lunchtime-Peel, das kleine Facelifting in der Mittagspause, so selbstverständlich wie ein Friseurbesuch sein. Man verschwindet für eine Stunde und kehrt frisch und erholt ins Büro zurück. Die ersten Botox-Injektionen lassen sich junge Mädchen mit 18 verabreichen, um zu verhindern, dass kleinste Fältchen überhaupt eine Chance haben. Individuelles Körperdesign wird in einen weltweiten Einheitslook münden. Dann wird es wiederum ein Statement sein, sich nicht operieren zu lassen. So wie die Sängerin Peaches heute bewusst ihre unrasierten Achseln trägt.

Doch Pro7 sucht schon Teilnehmerinnen für die deutsche Ausgabe von „The Swan“: „Sie wollen raus aus dem Alltag und ein neuer Mensch werden?“

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