Kultur : Schönheit für alle

ELFI KREIS

Das Design bestimmt das Bewußtsein: generell eine gewagte Behauptung.Speziell für Finnland, wo die Formgebung das Selbstbewußtsein einer jungen Nation stärkte, trifft sie zu.Erst 1917 erlangte das Land seine Unabhängigkeit.Bis 1809 war es eine östliche Provinz Schwedens, danach stand es unter Herrschaft des zaristischen Russland.Vor diesem Hintergrund erhielt Design in Finnland eine identitätsstiftende Funktion.Die im Kunstgewerbemuseum gezeigte Sonderschau skizziert die Entwicklung der letzten siebzig Jahre.

1930 wird in Stockholm eine für Skandinavien wegweisende Ausstellung angewandter Kunst gezeigt.Mit ihr hält die Moderne, die Idee des Funktionalismus in Finnland Einzug.Der Architekt und Designer Alvar Aalto steht als prominentester Vertreter für diese neue Richtung und wirkt als Vermittler des Bauhaus-Gedankens.Sein Freischwinger aus Formholz in einem Gestell aus Birke greift den Grundgedanken von Marcel Breuers Stahlrohrsessel auf.Traditionalismus und Modernität existieren nebeneinander.Hier Blümchendekor, dort eine türkise Porzellandose Greta-Lisa Jäderhol-Snellmanns.Ihre Keramik mit stilisiertem Fischknauf von 1930 könnte man für Kunstgewerbe der 80er Jahre halten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt eine rasante Entwicklung: eine Hochzeit finnischen Designs.Auf der Design-Triennale 1951 in Mailand erringen die Finnen die meisten Medaillen.Das "Wunder von Mailand" macht finnisches Design schlagartig zum Markenzeichen.Entwürfe wie Tapio Wirkkalas Holzplatte "Blatt" und seine Glasvase "Kantarelli" (Pfifferling), von Timo Sarpaneva ein signalrot emaillierter Eisentopf mit Teakholzgriff und Kristallvasen der Serie "Okhidea" (Orchidee) von 1961 stehen für die Wesensmerkmale finnischen Designs.Die Gegenstände sind schnörkellos, funktionalistisch und zeigen organische Linien.Ihr Schwung nimmt der zugrundegelegten Geometrie die Strenge.Sie leiten sich von Naturformen her.Entgegen allen Modetrends halten finnische Designer an klaren, hellen Farben fest.Naturmaterialen spielen wie bei Möbeln eine zentrale Rolle.

Finnische Firmen wie "Marimekko" mit ihren Druckstoffen tragen zum Erfolg unter dem Anspruch "Schönheit für jedermann" bei.Schmuck und Kleidung ergänzen die Schau.Nach einer Phase der Stagnation in den 70er Jahren verweist der letzte Teil auf Tendenzen der 80er und 90er.Die junge Generation orientiert sich an Italien und zeigt Sinn für Humor."Nomad" heißt der zerlegbare Stuhl auf dünnen Stahlrohrbeinen.Flexible Sitz- und Rückenbespannung bestehen aus einem weißen Filzstück: ein halber Beuys, doch elegant.

Kunstgewerbemuseum, Matthäikirchplatz, bis 25.7.; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 11-18 Uhr.Kat.9 DM.

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