Kultur : Schönheit und Schrecken

Der Sammelwütige: Bogomir Eckers ungewöhnliche Bilderkollektion im Berliner Fotomuseum.

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Fotograf unbekannt. Bombenhagel auf Hamburg, 1943. Foto: SMB, © Bogomir Ecker
Fotograf unbekannt. Bombenhagel auf Hamburg, 1943. Foto: SMB, © Bogomir Ecker

Eine kesse junge Dame lacht triumphierend in die Kamera. Das Gerät in ihrer Hand, mit der sie sich mühelos den Rücken kratzt, erfüllt seinen Dienst. Und doch ist es nichts anderes als der abgebrochene Arm einer Schaufensterpuppe. Skurril – so ist die Welt des Bildhauers Bogomir Ecker. Seine Skulpturen sind Kopien oder Parodien von Apparaten, von Abhöranlagen, Tropfsteinmaschinen, Zentrifugen. Es sind technische Objekte, aber wer weiß, ob sie funktionieren. Ihnen haftet etwas Absurdes an.

Die Fotografie mit dem Rückenkratzer stammt aus der umfangreichen Sammlung Eckers. Seit Jahren sucht der 1950 im slowenischen Maribor geborene, in Duisburg aufgewachsene Künstler Bilder im Internet. Er stößt auf aufgelöste Presse- und Firmenarchive, auf frühe Landschaftsfotografien, auf Bilder von Verbrechern, Tatorten, Maschinen, Explosionen. Ecker sammelt vor allem Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Zeit von 1860 bis Ende der sechziger Jahre. Nun zeigt er seine Kollektion erstmals der Öffentlichkeit, im Berliner Museum für Fotografie.

Eckers künstlerische Arbeiten, die daraus hervorgehen, erreichen bisweilen riesenhafte Größen. Wie jene Skulptur, die im Zentrum der Ausstellung steht, der „Stimmen-Turbulator“ aus schwarzem Noppenschaumstoff. Vier Schallplattenspieler ganz in Silber sind daran angeschlossen, fast lautlos drehen sich die Teller. Schluckt diese monumentale Trommel gleichsam alle Bilder und wirbelt sie im Kopf des Künstlers durcheinander? Ähnliche Apparate, Trichter, Satellitenschüsseln und gedämmte Kammern findet man jedenfalls auf den Fotos.

Die Ausstellung ermöglicht eine neue Perspektive auf Eckers Werk. Er war Teilnehmer der achten Documenta, ist Mitglied der Akademie der Künste und lehrt an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste – dort werden ab Januar parallel zur Berliner Schau weitere Fotografien aus seiner Sammlung zusammen mit seinen Bildhauerarbeiten gezeigt.

Die meisten dieser technoiden Aufnahmen im Kaisersaal des Museums für Fotografie stammen aus den Archiven von Forschungseinrichtungen und Technologiefirmen. Dienten die riesenhaften Trichter, an die sich zwei Techniker mit Schläuchen an den Ohren anstöpselten, tatsächlich der Feindbelauschung? Heute wirkt all das seltsam antiquiert oder fantastisch, als müsse James Bond noch einmal in den Kalten Krieg ziehen. Gleichzeitig erinnert es an die großen Ohrmuscheln, die Ecker wiederholt an Häuserwänden, Stromverteilern und Bäumen angebracht hat.

In welchem Zusammenhang die Fotografien jeweils entstanden sind, ist häufig nicht mehr nachvollziehbar, die Urheber sind oft unbekannt. So dürfen die Bilder für sich selbst stehen und entwickeln in der Zusammenschau witzige bis grausame Bedeutungen. So folgt der Besucher den anregenden Assoziationsketten eines Künstlers, der sich nicht um Chronologien oder kunsthistorische Einordnungen schert. Da hängt eine Straßenszene aus Neapel mit drei friedlich schlafenden Kindern von 1890 neben einer Aufnahme der Ausgrabungsstätte von Pompeji. Zu sehen sind drei Leichen, die beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben kamen, Hohlkörper im erstarrten Lavagestein, die man später mit Gips ausgoss. Der Titel der Ausstellung „Idylle und Desaster“ passt hier besonders gut.

Er passt auch zu jenem Foto zweier junger Männer, 17 und 18 Jahre alt, die in einem Auto sitzen. Ihr Gesichtsausdruck ist völlig gelassen, sie haben die Augen geschlossen und doch wirken sie komisch. Der eine liegt verdreht auf der Bank, dem anderen klebt etwas Blut in den Mundwinkeln. Sie sind offensichtlich soeben verunglückt, tot. Ein Bildreporter hat den Unfallhergang dokumentiert – ein brutaler voyeuristischer Akt. Was Ecker daran fasziniert haben mag, ist die Analogie zwischen Fotografieren und Schießen. Nicht umsonst gleichen sich die Vokabeln, bei beiden Aktionen drückt man ab. Irritierend an dieser Szene ist vor allem die Perfektion der Aufnahme, die ihr die Aura einer Inszenierung verleiht, pendelnd zwischen größtem Seelenfrieden und dem Schrecken des Todes. Anna Pataczek

„Bogomir Ecker: Idylle + Desaster“, bis 17. März, Jebensstr. 2, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Katalog: 42 Euro im Museum, 49 Euro im Buchhandel

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