Kultur : Schräg bleiben

Österreichs Filmkünstler kämpfen um ihr Diagonale-Festival – und das Berliner Arsenal zeigt eine Auswahl der besten Arbeiten

Hans-Jörg Rother

„Österreich, in Österreich, ganz Österreich, unsere österreichische Heimat...“ Hubert Sielecki hat es in seinem nur sechs Minuten langen, brillant montierten Kurzfilm ausgekostet, wie oft Nachrichtensprecher, Moderatoren und Talkshow-Gäste im Fernsehen der Landesbezeichnung eine innige, stolze oder fordernde Klangfarbe abzugewinnen versuchen. Was müssen das für lustige Menschen sein, die so gern den Namen ihres Staates im Munde führen, mag der Ausländer denken und neugierig werden. Acht Abende im Berliner Kino Arsenal, vier davon werden wiederholt, geben beste Gelegenheit, einer Antwort näher zu kommen.

Wo sonst als auf der Diagonale in Graz wurde zuletzt die österreichische Befindlichkeit so sorgfältig hin und her gewendet! Vergleichbar mit den Hofer Filmtagen, aber von mehr Lust am Experiment und am Dokument beflügelt, wurde Graz zum Ort, wo alljährlich im Frühjahr die Lage des kleinen Landes in großen Diskussionen bedacht und belacht wurde, provoziert von einem diagonal-queren Kaleidoskop unterschiedlichster Produktionen. Doch was sich erfolgreich anließ (die Besucherzahlen stiegen von 1997 bis 2003 um das Doppelte auf 25000), soll nach dem Willen des Staatssekretärs für Kunst und Medien in Wien, Franz Morak, ab 2004 anders werden.

Offenbar auch von persönlicher Animosität zu den bisherigen Leitern der Diagonale – Christine Dollhofer und Constantin Wulff – geleitet, verweigerte er beiden die Verlängerung ihrer Verträge und bestallte kurzerhand den bisherigen Chef des Belgrader Filmfestivals Miroljub Vuckovic als neuen Leiter. Wolfgang Aimberger, Co-Direktor der Viennale, wird die österreichische Sektion betreuen, während Vuckovic ein südosteuropäisches Programm aus dem Boden stampfen will. Der Staatssekretär dachte an 20 bis 30 Filme und hochkarätige Preise dafür, Vuckovic an eine viel kleinere Zahl.

Auf der diesjährigen Diagonale schon, wo Dollhofer und Wulff ihren Abschied nahmen, schlugen die Wellen hoch. Inzwischen ist der Konflikt eskaliert. „Diese ,Neuorientierung’ der Diagonale ist die Folge einer Kulturpolitik mit zerstörerischen Absichten, die wir nicht unterstützen. Dieses Festival verdient nicht unser Vertrauen“, heißt es in einer von 683 Regisseuren, Autoren und Institutionen unterzeichneten zornigen Erklärung ( www.rundumdiediagonale.at ). Ob unter den gegebenen Umständen im kommenden Jahr überhaupt neue österreichische Beiträge auf die Diagonale gelangen werden, dürfte fraglich sein. Unter der Losung „Wir sind die Diagonale“ kündeten namhafte Regisseure, unter ihnen Barbara Albert, Michael Haneke und Ulrich Seidl, eine Gegenveranstaltung an, die wenige Tage vor dem umgewandelten Festival in Graz stattfinden soll. Der Produzent Alexander Dumreicher-Ivonceanu hat sich als Koordinator bereit erklärt. Wer die Mittel für die Gegenveranstaltung spendet – die Diagonale verfügte zuletzt über ein Budget von gut einer Million Euro –, bleibt in der Erklärung von Ende Oktober noch offen.

„Österreich in Österreich!“ möchte der ausländische Beobachter mit Hubert Sielecki ausrufen, die Verschwörungstheorien (Haneke bezeichnete den Kampf um die Diagonale als „Vorgefecht“ – wofür?) aber nicht teilen. So wird etwa die umfangreiche Retrospektive in Berlin von der Österreichischen Botschaft bezuschusst. Solidarität verdienen freilich Christine Dollhofer und Constantin Wulff, der am heutigen Abend die Eröffnungsworte spricht. Auf dem Programm stehen Joerg Burgers Parodie einer therapeutischen Sitzung („Exploration“) und Ulrich Seidls fiktive Monologe von sechs gläubigen Menschen über ihre Not mit den Angehörigen und mit sich selbst („Jesus, du weißt“). Der Regisseur wird anwesend sein.

Wulff hat das Programm in thematische Blöcke geteilt. Politisch brisant dürfte der zweite Abend (15. November) mit Nathalie Burgers gelungener Untersuchung „Kronenzeitung – Tag für Tag ein Boulevardstück“ werden. Mit dem freien Blick der Außenstehenden hat sich die belgische Dokumentaristin vom Herausgeber Hans Dichand das Profil des einflussreichen Massenblattes erklären lassen, das unter dem Motto „Mit dem Volk für das Volk“ gern „Warnsignale“ an Politiker sendet, etwa indem es gegen Asylbewerber Stimmung macht.

Einen Dokumentarfilm von hohem Rang, Nikolaus Geyrhalters Welterkundung „Elsewhere“, kann das Berliner Publikum am 22. November noch einmal anschauen. Am 16. November stellt Bert Rebhandl die beachtenswerte Avantgardefilmszene des Landes vor. „New Electronia Vienna“ folgt am 20. November. Michael Hanekes neueste Arbeit „Wolfszeit“, mit Isabelle Huppert, beschließt am 29. November den Blick in eine der lebhaftesten Filmwerkstätten Europas.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben