• Schräge Heimattöne vom Hochjoch Theresia Walsers „Die Geierwally“ schmollt und grollt in Karlsruhe

Kultur : Schräge Heimattöne vom Hochjoch Theresia Walsers „Die Geierwally“ schmollt und grollt in Karlsruhe

Ulrike Kahle

Eine starke Frau, ein wilder Jäger, ein herrischer Vater, eine Männerfehde, ein Wirtshaus und die Berge von Tirol samt Geistern, besondere Zutat: ein Geier. So erfolgsträchtig braute Wilhelmine von Hillern 1875 die Geierwally zusammen: Vom Fortsetzungsroman zur Oper, zum Film, zur Trash-Parodie, zum Musical; alles wurde probiert mit diesem heimattriefenden Stoff um die reiche, schöne, starke Bauerntochter Geierwally und ihre verbohrte Liebe zum Bären-Joseph.

In Karlsruhe „Geierwally“ jetzt als Breitwand mit Musik. Das Stück neu geschrieben von der Berliner Schwäbin Theresia Walser und ihrem Landsmann Karl-Heinz Ott: in klarem Kunstbayerisch plus ein bisschen Tirolerisch. Barbara Bilabel inszeniert die Uraufführung als leicht ironisiertes Bauerntheater mit ein paar zauberhaft-surrealen Einsprengseln. Die Karlsruher Schauspieler schlagen sich mehr oder minder wacker durch die herrliche Pappkulisse, bergauf, bergab. Wobei die meisten allerdings lieber gleich drunten im Wirtshaus bleiben. Das Wirtshaus ist immer da, ebenso die Schlucht davor, mit dem schmalen Steg. Die munter kopulierenden Papp-Kühe fahren hoch, fahren runter und die Gemsen klappen beim Abschuss einfach um wie in der Schießbude (Bühne: Claudia Rüll Calame-Rosset). Zum spannenden Schluss sitzen die Wirtshäusler rechts und links vor dem Bergbild wie im Theater–oder vorm Fernseher. Klipp, klapp, Kindertheater, Märchentheater, es schneit und schneit, die Geierwally, fast ein Wintermärchen.

Audrey Hepburn von der Alm

Nach einigen Langsam- und Tapsigkeiten kommt das dramatische Geschehen in Schwung, wenn nämlich die Geierwally von ihrem starrsinnigen Vater zur Strafe aufs eisige Hochjoch geschickt wird, weil sie nicht den Vinzenz heiraten mag, sondern den Joseph. Der sie aber nicht will, weil er sie nicht kennt, und den der Vater nicht will, weil er ihn hasst, den Stärkeren, ihm Überlegenen. So sind die unvergänglichen Konflikte der Generationen und Geschlechter hübsch verpackt in die Tiroler Berglandschaft. Als Emanzipations-Vorbild taugt die Geierwally nur bedingt, ihre ganze Eigenwilligkeit und Selbstständigkeit dient ja nur einem Ziel, dem Joseph. Und wenn sie den nicht kriegt, will sie eine Märtyrerin werden, weil Märtyrerinnen „einen Willen haben, der an nichts zerbricht“. Na, immerhin.

Am schönsten ist die Musik. Die Autoren haben theaterhitverdächtige Liedtexte geschrieben, ironisch, poetisch, knapp, und Susanne Hinkelbein komponierte eine herrlich schräge, an bayerische Volksmusik angelehnte Musik dazu, basstief und meist in Moll. Die Geierwally kann auch singen, ist eher trotzig als bärenstark und Lisa Schlegel übertreibt anfangs das Kindlich-Mädchenhafte, findet nicht so recht den burschikosen Ton, dafür aber legt sie später eine fabelhafte, so unglückliche wie besoffene Möchtegern-Femme fatale hin, im scharf dekolletierten kleinen Schwarzen, Audrey Hepburn aus Tirol. Auch ihre verschmähte reiche Bäuerin, erst zart, dann brennend kalt vor mörderischer Wut, gelingt beachtlich. Der begehrte Joseph nämlich, der ist ein rechter Strizzi (André Wagner), ein Haderlump und ziemlich schmal um die Brust, auch wenn er dauernd neues, totes, blutiges Wild ins Wirtshaus schleift. Die schlussendliche Liebeserklärung, die klingt beim abrupt gewandelten Joseph in dick aufgetragenem Tirolerisch extra falsch und angepappt. Happy-End auf ironisch. Uff! Wir werden sie jetzt sicher häufiger wiedersehen, die Wally und ihren Joseph. Und staunen, wie triefend trivial und dennoch packend diese biedermeierliche Bergschmonzette um eine Frau mit eigenem Willen sein kann.

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