Kultur : Schräges aus der Jugendzeit

JÜDISCHE KULTURTAGE

Amory Burchard

Als die ältere Dame im kanariengelben Oberteil an Tisch 18 ihren Kavalier auf die Tanzfläche zieht, scheint der Bann gebrochen. Das Orchester Rosenthal spielt ukrainisch-jiddische Tanzlieder. Viele im Gemeindesaal singen mit. „Charlottengrad – Mythos und Wahrheit“ hatten die vorsichtigen Organisatoren der Kulturtage ihren Abschlussabend genannt. Schließlich liegen Welten zwischen der russisch-jüdischen Mitgliedermehrheit der Gemeinde und den legendären 20er Jahren, als nach der Oktoberrevolution 300 000 russische Emigranten kamen. Der mythische Funke nährte sich denn auch von den goldenen 70er Jahren in der Sowjetunion. „Wie früher im Kulturhaus“ raunt die Kanariendame. Gerade reißen die Mädchen vom Ensemble „Bim Bam“ zu bombastischer Musik vom Band und dem markigen Live-Gesang eines russisch-jüdischen Chores bedeutungsschwer die Arme hoch. Horst Prentki, der Soloklarinettist des Kulturbund-Orchesters, verkörpert dann zweifellos die hohe Kultur des jüdischen Vorkriegs-Berlins. Aber er muss unbegleitet und verstärkt durch Wohnzimmerboxen spielen. Erst als Sharon Brauner und Vivian Kanner jiddischen Ballroom-Swing bringen, wiegt sich die Kanariendame wieder auf ihrem Stuhl. Filmproduzent Atze Brauner singt Lieder aus seiner osteuropäischen Jugendzeit. Tisch 18 lauscht gerührt dem schrägen Sprechgesang. Mark Aizikovitch und Band heben das Niveau, aber da ist die Tanzlust schon vergangen. Am Ende ist die Wahrheit über Charlottengrad 2002 kaum noch zu ertragen: Ein Duo singt Randy Newmans „Short People“. Die Kanariendame kreuzt empört die Arme über dem Busen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben