Kultur : Schräglage

Utopisches von Claude Parent bei Esther Schipper.

Thea Herold
Foto: Galerie Esther Schipper
Foto: Galerie Esther Schipper

Architektur, das ist für den Franzosen Claude Parent bis heute ein Arbeitsfeld mit offenen Grenzen, ein Tummelplatz für utopische Ideen. Mit seinen Zeichnungen macht er das sichtbar: Linien, die sich mit großer Dynamik zu schrägen Flächen und schiefen Formationen aufbauen. Karierte Fächer, die sich luftig durchdringen. Rundwölbungen, übereinandergestapelt. Schmale Durchbrüche, Schrägflächen, Gewölbe und unterirdische Gänge. Bis heute bringt er allein mit dem Bleistift seine virtuosen Entwürfe zu Papier. Vermutlich könnte ihm auch kein digitales Konstruktionsprogramm in diese außergewöhnliche Gedankenwelt folgen.

Der 1923 in Neuilly-sur-Seine geborene Ausnahmearchitekt war schon erfolgreich, als er in den 60er Jahren gemeinsam mit Paul Virilio die Bunker des einstigen Atlantikwalls besuchte. Er erlebte die klotzigen Bunker, von Zeit und Gewicht aus dem Lot gebracht, in ihrer gigantischen Schräglage. Die Massen verschafften dem Besucher Schwindelgefühle – eine Art bodenlosen Taumel. Dieses Erlebnis hat die weitere Entwicklung Parents geprägt. Alles Bisherige wurde umgeworfen. Fortan gehörte zum Bauen bei Parent die „fonction oblique“: die programmatische Schräge. Er verlor eine Zeit lang die Aufträge, aber gestaltete 1970 den französischen Pavillon der Biennale in Venedig und schrieb Architekturgeschichte.

In der Galerie Esther Schipper werden jetzt erstmalig in Berlin seine Zyklen „Incisions“ (2006) und die großflächigen Blätter aus der Reihe „Open limit“ präsentiert (Preise: 9000–32 000 Euro). Eine wichtige Ergänzung sind die Schwarz-Weiß-Abbildungen mit Ansichten der realisierten Villa Bloc. Damit werden seine theoretischen Überlegungen zur Architektur praktisch anschaulich: Mit dem Schwung der gewundenen Außentreppe, den luftigen Trägern und Glaswänden, der spärlichen Möblierung. Fast als eine Art Bewegungsmeditation erscheint der Zyklus „La Maison articulée“: Es sind mit Chinatusche zu Papier gebrachte Fraktale, die unbekannten Schriftzeichen gleichen und sich eins nach dem anderen in Reihe langsam artikulieren.

Auch sie sind geprägt von der Dekonstruktion – vom spielerischen Auflösen der Ordnungssysteme und ihrem neuen Zusammentreffen in einer anderen Dimension. Härte und Zartheit, Weite und Enge. Immer wieder sind es diese Widersprüche, die bei Parent für das Gleichgewicht in der Schräge sorgen. Damit war Parent vor gut fünfzig Jahren als Architekt seiner Zeit weit voraus. Doch nicht nur philosophisch haben seine Arbeiten bis heute an Aktualität und Frische nichts verloren. Thea Herold

Galerie Esther Schipper, Schöneberger Ufer 65; bis 3. März, Di–Sa 11–14 Uhr

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