Kultur : Schreib das auf, Veronica!

„Die Journalistin“: Cate Blanchett recherchiert gefährlich

Christina Tilmann

Sie erinnert an Lady Di, wie sie schräg und scheu unter den wuscheligen blonden Haaren hervorlächelt. Sie ist wild und wagemutig, liebt es, schnell, zu schnell mit dem Auto übers Land zu brausen und kassiert dafür ohne mit der Wimper zu zucken ein Knöllchen nach dem nächsten. Sie ist sehr bewusst eine schöne Frau, recherchiert mit vollem Körpereinsatz, wiegt sich in den Hüften, beugt sich verführerisch tief vor, wenn sie den Informanten befragt. Und sie kann still und störrisch werden, wenn sie auf ihrem Weg die Kinder sieht, die an Plastiktüten schnüffeln, die Jugendlichen im Treppenhaus, und unter dem Tritt knirschen die zerbrochenen Spritzen.

Veronica Guerin ist in Irland eine Volksheldin. Die Journalistin des „Sunday Independent“, die sich seit 1994 weit, zu weit in die Mafia- und Drogenwelt Dublins begab, ist eine Vorbildfigur im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Ihre sonntägliche Kolumne, hart recherchiert und schonungslos offen, war bald legendär. Es war investigativer Journalismus at its best – Guerin suchte den Kontakt zu örtlichen Drogenbossen und geriet schließlich mit den Kartellchef John Gilligan aneinander. 1995 wurde die Reporterin bei einem Attentat verletzt, am 26. Juni 1996, während sie an einer roten Ampel wartete, von zwei Scharfschützen ermordet. Wenige Monate später änderte Irland sein Steuergesetz, um eine schnellere Verfolgung unrechtmäßig erworbener Vermögen zu ermöglichen. Gilligan sitzt nach einem Prozess im Gefängnis.

Joel Schumachers Film „Die Journalistin“ erzählt diese Heldengeschichte. Von den Anfängen, den ersten Recherchen in den Slums von Dublin, über die zunehmende Bedrohung bis hin zum Mord und Ehrenbegräbnis. Er erzählt eine Heldenbiographie, gradlinig, ohne Rückblenden und Seitenblicke, nur aus einer Perspektive. Er erzählt ein spannendes, rastloses, auch zwiespältiges Leben – und er erzählt es ausgesprochen langweilig. Denn was sieht man, was man sich nicht auch so hätte denken können: Veronica, die im Kostüm und weißer Bluse durch die Slums stöckelt, um Informanten zu finden. Veronica, die nachts am Computer sitzt, während Ehemann Graham sich zu Recht beklagt, sie habe zu wenig Zeit für ihn. Veronica, die sich auf den Landsitz des Drogenbosses schleicht, um ihn zu befragen. Veronica in der Redaktion, auf Pressekonferenzen, im Krankenhaus, und Veronica tot im Auto.

Was man nicht sieht, sind: Zweifel. Fehler. Blinde Flecke. Eine Ahnung dessen, was Veronicas Arbeitswut für ihre Familie bedeutet. Ein Gedanke daran, dass dieser Ein-Personen-Kreuzzug vielleicht naiv, auf jeden Fall lebensgefährlich sein könnte. Kurz: Alles, was aus der Heiligenfigur Veronica Guerin einen Menschen hätte machen können. Der Action-Routinier Joel Schumacher („Nicht auflegen“, „Der Klient“, „Batman und Robin“) – und seine wunderbareHauptdarstellerin Cate Blanchett („Heaven“, „Elizabeth“), die sich mit aller Kraft in die Rolle kniet – erzählen ein Leben nach. Man kann diese Frau bewundern – nahe kommt man ihr nicht. Wäre die Film-Veronica weniger perfekt gewesen, sie wäre interessanter geworden. Sie hat einen guten Kampf gekämpft, und sie hat dafür alles aufs Spiel gesetzt. Lebendig wird sie nicht mehr.

In 10 Berliner Kinos, OV im CineStar Sony-Center

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