SCHREIB Waren : Böser die Glocken nie klingen

Steffen Richter wünscht sich zu Weihnachten ein netteres Amerika

Steffen Richter

Eigentlich ist es ja das Fest der Liebe. Amerika aber verschickt eher vorweihnachtliche Gehässigkeiten an seine europäischen Freunde. Erst fiel das „Time“-Magazin über Frankreich her: Die französische Kultur, hieß es, sei tot. Letzten Donnerstag dann erklärte die „New York Times“ die Italiener zum traurigsten Volk Westeuropas.

Vielleicht ist die Stimmung aber auch schlechter als die Lage. Der europäische Herbst jedenfalls bietet einiges, was sich den Lieben unter den Baum legen lässt: Claudio Magris’ „Blindlings“ (Hanser) etwa erzählt vom 20. Jahrhundert, wie man es nur in Triest, an der Schnittstelle zwischen altem Osten und Westen, erzählen kann. Feinste französische Leichtigkeit gibt es beim großartigen Jean Echenoz, dessen „Ravel“-Buch (Berlin Verlag) selbst eine Art Bolero ist. Und jugendfrisch präsentiert sich Meisterdetektiv Arsène Lupin in einer neuen Ausgabe von Maurice Leblancs „Die Gräfin von Cagliostro“ (Matthes & Seitz Berlin).

Wer alle Geschenke beisammenhat und Weihnachtsstimmung schnuppern will, kann das bei diversen Lesungen tun: gediegen mit Siegfried W. Kernens Programm O Pannenbaum im Theater im Palais (Festungsgraben 1, Mitte, 20.12., 20 Uhr); unkonventioneller bei O du mörderische in der Krimibuchhandlung Totsicher (Winsstr. 16, Prenzlauer Berg, heute, 20 Uhr); oder ganz anders im Planetarium am Insulaner (Munsterdamm 90, Steglitz), wo am 18., 19. und 20.12. um 20 Uhr über den Stern von Bethlehem gesprochen wird, der bei Matthäus die Weisen aus dem Morgenland leitet. So ein Sternchen möge auch die Redaktionsstuben unserer amerikanischen Freunde erhellen. Denn es ist nicht alles Schatten.

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