SCHREIB Waren : Das fremde Gesicht

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Jeder, der schreibt, kennt die Schwierigkeit, die es bereitet, das Gesicht einer Figur zu beschreiben. Natürlich, man kann sehr wohl die Einzelheiten eines Gesichts, seine Bestandteile aufzählen und ihre Beschaffenheit beschreiben. Aber das macht zusammen noch kein Gesicht, sondern nur eine Physiognomie mit der Ausdruckslosigkeit eines Phantombildes. Das, was ein Gesicht zum Gesicht macht, ist freilich sein Ausdruck. Denn im Ausdruck meinen wir das Wesen oder die Seele oder – weniger hochtrabend formuliert – das Innere eines Menschen zu erfassen. Etwas, das ihn ausmacht, sein Unverwechselbares, das eigentlich nicht zu sehen ist, im Gesicht aber doch, als sogenannter Schein, der sich scheuerweise sofort auflöst, sobald man ihn in Worte fassen will.

Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat in seiner wunderbaren Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts „...fertig ist das Angesicht“ deshalb behauptet, dass sich ein Gesicht sprachlich eigentlich nicht abbilden lässt. „Dass, was so dringlich beschrieben werden möchte“, kann „im letzten nicht beschrieben werden“. Das Mienenspiel ist einfach zu reich, das Verhältnis zwischen Innen und Außen, zwischen natürlicher und übernatürlicher Bedeutung zu raffiniert.

Stellt sich andersherum die Frage, ob eine literarische Figur überhaupt ein Gesicht benötigt? Vermutlich nicht. Denn das Entscheidende ist, dass sie im Kopf des Lesers lebt, dass ihre (hoffentlich widersprüchliche) Art plastisch wird, und diesen geheimnisvollen Vorgang der Vergegenwärtigung bewirken meist wenige zündende Details besser als eine akribisch ausgedachte und dann abgepinselte Gesichtslandschaft.

Wie auch immer, das Gesicht ist und bleibt rätselhaft. Und wenigstens dieses Rätselhafte ist zu beschreiben. Von heute bis Donnerstag findet in der Akademie der Künste das Symposium Gesichter / Faces statt, ausgerichtet vom Zentrum für Literaturforschung (Pariser Platz 4, jeweils 15 bis 20 Uhr, freier Eintritt). In diesem Zusammenhang wird etwa der Kunsthistoriker Hans Belting über „das Porträt als Maske des Gesichts“ sprechen. Helmut Lethen versenkt sich in „Das Lächeln der Höflichkeit“, Sigrid Weigel in die „Tränen im Gesicht“, während Albrecht Koschorke eine „Kulturgeschichte der Nase“ entwirft (Programm unter: www.zfl.gwz-berlin.de).

Und was haben diese Meditationen über das Verhältnis von Porträt und Identität nun mit dem Buch „Triffst Du Buddha – töte ihn!“ des Reiseschriftstellers Andreas Altmann zu tun, der darin die Erfahrungen in einem buddhistischen Zentrum in Indien verarbeitet hat? Um das zu erfahren, begebe man sich heute ins Haus Hardenberg (Hardenbergstraße 5, 20.30 Uhr).

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