SCHREIB Waren : Der Gorilla und die viereckige Kröte

Thomas Wegmann

Wäre der Literaturbetrieb ein Bestiarium, wäre er wohl der Gorilla unter den Kritikern: einer, der sich gern an die Brust klopft, sinngemäß jedenfalls. Auf seinem Weg zum feuilletonistischen Silbernacken ließ sich Fritz J. Raddatz häufig mit eigener Mähne und fremden Literaturnobelpreisträgern auf überdimensionierten Sofas fotografieren: Ich und mein Marquez. Großer Zirkus war das, der so nie wiederkommt, weil Wildtierhaltung auf engem Raum wohl bald verboten wird. Noch aber kann man ihn sehen und lesen hören, am Donnerstag beispielsweise, wenn er um 20 Uhr im Literaturhaus aus seinen Tagebüchern vorträgt, welche die Jahre 1982 bis 2001 und fast tausend Seiten umfassen. Mal böse, mal banal, meist indiskret und häufig scharfzüngig sind die, nicht zuletzt wegen der animalischen Protagonisten: Peter Handke sieht einen angeblich an „wie ein ekelhaftes Insekt – man schämt sich, geboren worden zu sein“, Siegfried Lentz hat „Cockerspanielaugen“, Rudolf Augstein muss man sich als „viereckig gewordene Kröte“ vorstellen. Und die menschliche Seele vermutlich als ein tierisches Biest.

„Vögel sind gewissermaßen das bessere Ich der Dinosaurier“, meint dagegen Jonathan Franzen. Statt sich und andere zum Tier zu machen, sucht der amerikanische Schriftsteller offenbar nach dem Menschen im Tier, wenn er seiner Leidenschaft, dem „bird watching“ frönt. Dieses hat ihn auch schon an die Teiche der Brandenburger Parks und ins Berliner Umland geführt. Und so wird er nicht nur am Sonnabend um 16 Uhr im Renaissance-Theater seinen neuen Roman „Freiheit“ vorstellen, sondern auch einen Tag später den passionierten Hobbyornithologen geben: „Erst als die Natur zum Ort geworden war, an dem es Vögel gab, kapierte ich endlich, was das Theater sollte.“ Sonntagmorgen um elf geht das geflügelte Theater los – im Naturkundemuseum, veranstaltet vom Literaturforum.

Einen ganz anderen Umgang mit Tieren pflegt Ignatz Machandel, der 1769 in einer Niderlausitzer Schäferhütte geborene Held in Ulf Geyersbachs Romandebüt „Machandels Gabe“. Schon als Kleinkind belutscht er Grauplinge, kaut Spinnenbeine und Nachtfalterflügel, anschließend Lederriemen und Eisenpfannen, später auch Stroh, Ruß und Rinde. Sein Verhältnis zur Welt ist ein zutiefst orales, weswegen er dieser auch irgendwann den feinen Geschmack schenken wird: „Er besaß eine Anlage, die man nie zuvor bei einem Jungen seines Alters beobachtet hatte – eine furchteinflößende Gabe.“ Der Autor stellt Donnerstag um 19.30 Uhr sein neues Buch in einer neuen Buchhandlung vor, in der Buchkönigin (Hobrechtstraße 65 in Neukölln). Im Anschluss soll es eine Brandenburger Suppenspezialität geben. Ob die ganz ohne Tierisches auskommt, wissen wir allerdings nicht.

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