SCHREIB Waren : Der große Schweiger

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Diese Woche widmet das Literaturforum des Brecht-Hauses Wolfgang Koeppen, dem berühmtesten Schweigen der deutschen Nachkriegsliteratur, eine ganze Reihe. Koeppen, der 1906 in Greifswald geboren wurde und 1996 in München starb, arbeitete als junger Mann als Redakteur und schrieb während des Krieges Drehbücher für die Ufa, die nie verfilmt wurden. In den fünfziger Jahren machte ihn die „Trilogie des Scheiterns“ berühmt („Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“, „Der Tod in Rom“). Danach wurde er Suhrkamp-Autor, bezog ein monatliches Salär und kündigte Siegfried Unseld immer wieder Romane an, die er nie lieferte.

Koeppen avancierte zum legendenumrankten Nicht-Veröffentlicher. Er gab noch einige Reisereportagen und ein schmales Fragment über seine Jugend heraus, aber eben nicht den „großen Roman“. Da Koeppen in seinem Schreiben literarische Verfahren der Moderne aufgenommen hatte (Montage!, Schnitt! Innerer Monolog!), konnte sein Schweigen freilich auch als Schreibakt, gewissermaßen als ewig lange Pause wahrgenommen werden, was es doppelt bedeutsam machte. Die Frankfurter Rundschau schrieb demütig und ketzerisch zugleich, Koeppen sei einer unserer „größten Schriftsteller“, nicht obwohl, sondern „weil er so lange geschwiegen hat.“ Hin und wieder nannte er Titel der in Arbeit befindlichen Texte: „In Staub mit allen Freunden Brandenburgs“ hießen sie, „Tasso“ oder „Ein Maskenball“. Nachdem er eine Schiffsreise unternommen hatte, begann er einen Roman, der „das Schiff“, heißen sollte, bekannte aber bald: „Leider gefällt er mir nicht.“ Meinte er das ernst oder war alles ein großer (möglicherweise verzweifelter) Spaß?

Selten ließ er Interviewpartner zu sich in die Münchner Wohnung. Er schreibt tatsächlich, meldete Volker Hage, nachdem er die Manuskriptstapel auf dem Schreibtisch besichtigt hatte. Auch André Müller, der als Festnagler gefürchtete Interviewer, hat ihn 1991 für „Die Zeit“ gesprochen – und den melancholisch gewitzten Koeppen nicht zu fassen bekommen. Auf die Frage, ob er keinen Sinn in der literarischen Arbeit finde, sagte er: „Das wäre kein Grund, damit aufzuhören, denn sinnlos ist alles …“. Ob er denn kein schlechtes Gewissen habe, weil das Geld, das er erhalte, das, was durch seine Bücher hereinkomme, übersteige: „Nicht im Geringsten.“ Einmal scheint Müller nicht weiter zu wissen. Und Koeppen sagt: „… ich finde, ein Schriftsteller soll etwas geheimnisvoll bleiben“. Heute geht es um 20 Uhr in der Chausseestraße 125 um Koeppens „biografisches Geheimnis“.

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