SCHREIB Waren : Der grüne Spiegel

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In seinem schönen „Buch der Gärten“ hat sich der bosnische Autor Dzevad Karahasan Gedanken über Gärten und das Heilige gemacht. „Sind die Gärten Schatten, die der Paradiesgarten auf die Erde wirft? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass der Garten in Korrespondenz mit der Paradiesseite des menschlichen Wesens steht, mit unserer Fähigkeit, uns das Paradies vorzustellen und von ihm zu träumen.“ Der Garten gilt deshalb als heiliger Ort. Zumindest heiliger als andere Orte, heiliger als der Marktplatz zum Beispiel, an dem sich die Gesellschaft ihrer selbst versichert. Im Garten pflegt der Einzelne Kontakt zu höheren Wesen. Im Garten kann das Wunderbare geschehen. Karahasan unterscheidet verschiedene Formen des Gartens und schafft dabei so etwas wie eine Hierarchisierung des Heiligen. Der private Garten, in den man durch Einladung gelangt, sei zum Beispiel heiliger als der öffentliche Garten, also der Park. Als Allerheiligstes, als Sitz der Wahrheit, gilt der Garten des Herrschers, zu dem nur Eingeweihten der Zutritt erlaubt ist.

Allerdings: Diese Theorie gilt vorwiegend für die Gartenvorstellung aus der islamischen Tradition. In der christlichen Tradition findet das Wunder nicht im Garten, sondern in der Wüste statt. Dafür ist der christliche, der mitteleuropäische Garten wie eine Art grüner Marktplatz angelegt, der „soziale Raum“ schlechthin, mit einem Springbrunnen in der Mitte und geometrischen Grünflächen drum herum – über den sich Karahasan mit feiner Ironie lustig macht, weil er sich mit seiner radikalen Naturdomestizierung auch gleich des mystischen Potenzials beschneidet.

Der glückliche, oft „wundersame“ Gartenbesitzer, weiß die Schriftstellerin Eva Demski, benötigt nicht nur einen grünen Daumen, sondern auch ein Gespür für die rechte Mischung aus Ordnung und Chaos, für geplantes und willkürliches Durcheinander. Hat der Garten eigentlich uns oder haben wir ihn? Eva Demski liebt Gärten. Sie unterhält, pflegt und bestaunt seit Jahrzehnten einen handtuchschmalen Garten in Frankfurt am Main und erzählt von ihrer Liebe in dem Buch „Gartengeschichten“. Gleich zu Beginn nimmt sie uns mit in den Garten ihrer rabiaten Mutter. „Sie ging mit Pflanzen um wie ein Intendant mit seinen Schauspielern. Wer in einer Spielzeit zu viele Hauptrollen hatte, musste sich in der nächsten mit Nebenrollen begnügen.“ Sie porträtiert die weise Gärtnerin Annie aus dem Vordertaunus, bei der sie als Schülerin lernte, wie man Sträuße bindet und mit Liebhabern umgeht.

Es geht in diesem Buch aber auch um die Fragen, wie ein Garten Ehen retten oder beenden kann oder wie Epikurs Garten ausgesehen haben könnte. Am Freitag, den 16. Juli liest Eva Demski um 19 Uhr in der Max-Liebermann-Villa (Colomierstraße 3, 19 Uhr). Am Sonntag, den 18.7. lädt dann Jenny Schon zu ihrem Literarischen Spaziergang durch den Grunewald (14 Uhr, nur mit Anmeldung unter 892 13 38) und führt vom Roseneck zum Hagenplatz durch die literarischen Geschichten der Anwesen – und an reichlich Gärten vorbei. Vielleicht lässt sich bei diesem Spaziergang auch erleben, was Eva Demski unter „Gartenterrorismus“ versteht.

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