SCHREIB Waren : Dichten nach Zahlen

Steffen Richter staunt über die Magie der Mathematik

Steffen Richter

Eigentlich ist die Fibonacci-Reihe eine schlichte Angelegenheit. Jede Ziffer dieser Reihe ergibt sich aus der Summe der beiden vorhergehenden. Also: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55 usw. Auf „Mathematisch“ heißt das f (n) = f (n–1) + f (n–2). Schnell ist man bei 610, 987, 1597, dann bei 10 946, 17 711 und 28 657. Die geschwinde Vermehrung in die Unendlichkeit hinein hat etwas Poetisches.

Leonardo Fibonacci, ein italienischer Mathematiker, der um 1200 lebte und in Algerien die indo-arabische Rechenkunst kennenlernte, hat viel zur Durchsetzung der arabischen Ziffern in Europa beigetragen. Bekannt aber ist er wegen seiner Zahlenfolge. Mathematik ist ein Bollwerk gegen Beliebigkeit, Mathematik kann Struktur und Form geben. Das hat sich auch die dänische Dichterin Inger Christensen für ihren Gedichtband „Alphabet“ (1981) zunutze gemacht. Darin verkoppelt sie die Fibonacci-Reihe mit den Buchstaben des Alphabets. Es beginnt einfach mit „a“ wie Aprikosenbäume, wird aber Buchstabe für Buchstabe komplizierter, um bei „n“ wie Nachtschattengewächse, Nichtschwimmer oder Notgroschen abzubrechen.

Das schreit nach Vollendung, würde aber bis „z“ eine unüberschaubare Komplexität ergeben. Also hat der Dresdner Lyriker Michael Wüstefeld bei „z“ wie Ziegenmelker begonnen und ist bis zum „n“ zurückgegangen. Das Ganze heißt „AnAlphabet“ (Steidl), ist eine faszinierende Angelegenheit und wird am 9.7. (20 Uhr) im Brecht-Haus vorgestellt (Chausseestr. 125).

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