SCHREIB Waren : Die Diktatur bittet zum Diktat

Thomas Wegmann

Erst kürzlich wurde bekannt, dass der rumäniendeutsche Dichter Oskar Pastior zwischen Juni 1961 und Frühjahr 1968 in den Diensten des rumänischen Geheimdiensts Securitate stand. Unter dem Namen „Otto Stein“ wurde er als IM geführt, was er selbst vor engen Freunden geheim hielt. Und auch wenn man als Außenstehender kaum ermessen kann, welchen Druck die Securitate erzeugen und welche Schuldgefühle das Paktieren mit ihr auslösen konnte, und auch wenn Pastior – nach allem, was man weiß – offenbar keine ihm nahestehenden Schriftsteller belastet hat, wirft auch dieser Fall unweigerlich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Macht auf. Wie nah dürfen Dichter den Mächtigen kommen, ohne Staatsdichter zu werden? Nicht zuletzt Diktaturen schmücken sich bekanntlich gern mit willfährigen Produzenten des Schönen, während sie Missliebiges unterdrücken und Kritisches verbieten.

Den Verbrechen der Diktaturen in Osteuropa widmet sich nun eine internationale Konferenz des Literaturhauses Berlin, der Robert-Bosch-Stiftung und der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im Käthe-Kollwitz-Museum (Fasanenstraße 24). Sie beginnt Mittwochabend um 20 Uhr mit einem Grußwort von Herta Müller, die sich nicht zuletzt durch Oskar Pastior zu ihrem Roman „Atemschaukel“ inspirieren ließ. Anschließend stellt die bulgarische Autorin Ivaila Alexandrova ihren Roman „Heißes Rot“ vor. Es ist der erste bulgarische Dokumentarroman, der das historische Material des sogenannten Volksgerichts der „sozialistischen Revolution“ von 1945 aufarbeitet. An den folgenden beiden Tagen diskutieren Historiker, Forscher, Mitarbeiter von NGOs sowie von Archiven, Dokumentationszentren und Gedenkstätten aus Osteuropa und Deutschland den Stand der Aufarbeitung in den verschiedenen Ländern. Das detaillierte Programm lässt sich unter www.literaturhaus-berlin.de einsehen.

Grundlegend geht eine Veranstaltung am Mittwoch um 20 Uhr in der DAAD-Galerie (Zimmerstraße 90/91) das Thema an: Wie funktionieren Machtverhältnisse in der Literatur – und im Leben? Welche mobilisierende Wirkung übt ein literarischer Text im außerliterarischen Bereich aus? Lässt sich mit Literatur Widerstand leisten gegen die Macht? Und in welchem Verhältnis stehen Autor und Macht, Verantwortung und kulturelle Autonomie heute zueinander? Darüber sprechen der ungarische Autor László Márton, der dem Thema „Autor und Macht“ im Sommer 2010 ein Seminar im Rahmen seiner Siegfried-Unseld-Gastprofessur an der Humboldt-Universität widmete, und Ulrich Peltzer, der 2007 mit „Teil der Lösung“ einen viel beachteten Roman über eine Welt der erneuten Radikalisierung, Militanz und Aktion vorgelegt hat. Die Frage, ob Dichtung die Welt schon allein dadurch bessert, indem sie welche ist, dürfte da zu geschmäcklerisch sein.

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