SCHREIB Waren : Dollar, Vanilla und die anderen

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Wenn man das Wort „Grunewaldsee“ googelt, erfährt man, dass der See im Westen Berlins zum „größten Hundeauslaufgebiet“ der Stadt gehört und deshalb ein „Top-Gassitreffpunkt“ ist, ein „Hotspot“ unter den „Dogdating“-Orten, der – wie eine Hunde liebende Bloggerin verrät – „auch bei ihren Dalmis Dollar und Vanilla hoch im Kurs steht“. Für Hunde und ihre Besitzer sind der Grunewaldsee und der ihn umgebende Waldweg ein „wahres Paradies“. Für alle anderen ist er ein Ort, über den man sich genau deshalb gern lustig macht, der Anti-See schlechthin, weil er den Slogan vom „städtischen Erholungsgebiet“ ad absurdum führt. Von Hunde-Urin verseuchter Boden, Haufen allüberall und im Hintergrund das stetige Rauschen von der Avus. Trostloser geht’s nimmer. Warum Paul, die Hauptfigur aus Hans-Ulrich Treichels neuem, unterhaltsamem Roman „Grundewaldsee“, ausgerechnet dort spazieren geht – und nicht am romantischeren Schlachtensee, wie die Figuren aus dem letzten Roman von Katharina Hacker? Natürlich wegen dieser zu Ironie einladenden Trostlosigkeit. Der Anti-See passt besser. Paul ist ein Antiheld, der nicht erwachsen werden will, und die Handlung spielt im West-Berlin der still vor sich hin dümpelnden achtziger Jahre (Buchhändlerkeller, 20.5., Carmerstraße 1, 20.30 Uhr).

Freilich ist der Grunewaldsee in Wirklichkeit weniger trostlos als sein Ruf. Um sich davon zu überzeugen, braucht man sich nur am Sonnabend um 16 Uhr auf die Wasserterrasse des Jagdschlosses zu begeben, wo Ina-Alexandra von Trotha „inmitten der Natur“ aus eigenen Texten und Gedichten liest (Hüttenweg 10, um Reservierung wird gebeten). Auch sind der See und seine Umgebung viel mehr ein Ort der Literatur und der Kunst, als man vermuten möchte – früher gab es dort eine reiche Salonkultur. Edith Andrae, eine Schwester Walter Rathenaus, lud regelmäßig in ihre nahe gelegene und noch immer erhaltene Villa. Hermann Ullstein lebte um die Ecke, und Gerhart Hauptmann hatte in der Hubertusbader Straße eine Wohnung. Jenny Schon weiß auf ihrem literarischen Spaziergang rund um den Grunewaldsee noch viel mehr zu berichten (Sonntag, 14 Uhr, nur mit Anmeldung unter 030/892 13 38).

Katharina Hacker
liest diese Woche übrigens auch aus der Fortsetzung des am Schlachtensee spielenden Romans „Alix, Anton und die anderen“. Ihr bei S. Fischer erschienenes Buch „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ legt den Fokus auf den Kreuzberger Arzt Anton, dessen in der Provinz lebende Mutter gegen eine schnell fortschreitende Demenz kämpft (Literaturhaus, 21.5., Fasanenstraße 23, 20 Uhr).

Ach, fast vergessen: Nina Hagen hat ihre Autobiografie geschrieben. Darin geht es naturgemäß nicht nur um Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll, sondern auch um Gott und ihre „Liebesgeschichte mit Jesus“. „Gehst DU etwa auch wieder weg wie all die anderen“, hatte sie Jesus bei ihrer ersten Begegnung gefragt. Und Jesus hatte geantwortet: „Ich bin immer da. Ich war immer da und ich werde immer da sein.“ (Astra Kulturhaus, 19. 5., Revaler Straße 99, 20 Uhr)

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