SCHREIB Waren : Dresden oder Vietnam

Steffen Richter über eine unlösbare Rechnung: Wie viel ist zweimal ’68?

Steffen Richter

Nun hat selbst die Bundeskanzlerin blinde Flecken bei der Aufarbeitung der 68er-Geschichte entdeckt. Dem „SZ-Magazin“ sagte Angela Merkel, dass „manche Seiten der 68er-Bewegung auch einen autoritären, intoleranten Charakter hatten“. Außerdem vermisse sie in hiesigen Diskussionen „die Einordnung in die internationale Entwicklung“. Zum Beispiel in die osteuropäische. Richtig, da war ja auch was. Liegt in der Chiffre 68 also gleich eine doppelte Verblendung?

Um der Verblendung ersten Teil, den westdeutschen, kümmert sich der Historiker Götz Aly, der die Republik gerade mit seinem Buch Unser Kampf (S. Fischer) verschreckt. Die Studentenbewegung sei totalitär gewesen, schreibt Aly dort, zudem weise sie Ähnlichkeit mit der NS- Bewegung auf. Um eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sei es ihr gerade nicht gegangen, im Gegenteil, man sei vor dieser Aufarbeitung geflohen. Das sind markige Behauptungen. Sollte jemand widersprechen wollen, ist dazu am 10.3. (19 Uhr 30) in der Lichterfelder Buchhandlung (Oberhofer Weg 15, Lichterfelde) Gelegenheit.

Dass viele 68er die DDR verklärten, mag an ihrem waghalsigen Geografieverständnis liegen, dem Vietnam eben näher lag als Dresden. Damit kommen wir zur zweiten Verblendung: der ostdeutschen. Auch hier stand in den 60ern ein Generationswechsel an, auch hier ging es um Musik und lange Haare. Dann aber kam der (von oben initiierte!) Reformsozialismus aus Prag. Und während der Oktoberklub „Sag mir, wo du stehst“ sang, marschierte der Warschauer Pakt in die CSSR ein. Dass in der DDR gegen den Einmarsch protestiert wurde, belegen etwa 1400 Ermittlungsverfahren. Die Liedermacherin Bettina Wegner wurde verhaftet, dem Schriftsteller Christoph Hein verwanzte die Stasi die Wohnung. Auch Florian Havemann kam ins Gefängnis, weil er nach eigenem Bekunden mutiger war als sein Vater Robert oder der große Wolf Biermann. Heute (20 Uhr) diskutiert Florian Havemann im Brecht-Haus (Chausseestr. 125, Mitte) mit Friedrich Dieckmann über sein derzeit nur im Netz zu erwerbendes Skandalbuch. Und morgen (5.3., 20 Uhr) stellt der Zeithistoriker Stefan Wolle ebenfalls im Brecht-Haus den „Traum von der Revolte“ vor, sein Buch über 1968 in der DDR.

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