SCHREIB WAREN : Ein Mann zum Pferdestehlen

Andreas Schäfer über die White-Trash-Ödnis im Raymond-Carver-Stil.

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Wenn hierzulande gesagt wird, jemand schreibe wie Raymond Carver, ist damit vor allem Carvers lakonischer Stil gemeint, das kunstvoll schlichte Erfassen dessen, was geschieht, ohne einordnende Analysen oder gemütliche Rückblicke. Die Wucht der Aufzählung, durch viele „Und dann“- Scharniere in Fluss gehalten und durch eine rhythmische Syntax existenziell aufgeladen, spiegelt dabei die Ohnmacht der grundsätzlich überforderten Figuren.

Auch Willy Vlautin, Schriftsteller und Sänger der amerikanischen Folkrockband Richmond Fontaine, ist so ein Wie-Carver-Autor. Damit ist aber weniger seine Schreibweise als vielmehr die Welt gemeint, in der seine Bücher spielen und die durchaus mit der White-Trash-Ödnis aus Carvers Geschichten mithalten kann. Vlautin erzählt von den Verlorenen und Ausgestoßenen, den von Stadt zu Stadt ziehenden Glücksrittern, die, wohin sie auch kommen, statt des Glücks nur die alten Probleme finden.

In seinem Debüt „Motel Life“ ging es um zwei spielsüchtige Brüder, in „Northline“ stand eine junge Frau im Mittelpunkt, die aus dem Gefängnis einer Beziehung ausbricht. Vlautins drittes Buch, in diesem Sommer als Taschenbuch im Berlin-Verlag erschienen, handelt vom fünfzehnjährigen Charley, der mit seinem Vater nach Portland zieht. Und dann stirbt der Vater. Und der einzige Job, den Charley findet, ist „Stall-Ausmisten“ in der nahen Rennbahn, wo sein einziger Freund, das Pferd Lean on Pete, von dem abgehalfterten Del Montgomery geschunden wird. Als das Pferd getötet werden soll, reißt Charley mit ihm aus und zieht durchs Land. Dies ist also das, was man eine herzzerreißende Geschichte nennt. Herzzerreißend ist auch der zweiminütige Videotrailer auf Youtube. Am Donnerstag, 19.8., liest und musiziert Willy Vlautin um 21 Uhr im HBC (Karl-Liebknecht-Straße 9), während Clemens Meyer die deutschen Passagen liest.

Und sonst? Der Literaturherbst beginnt. Heute findet um 20 Uhr im LCB (Am Sandwerder 5) die Buchpremiere von Thomas Lehrs Roman „September – Fata Morgana“ statt, in dem es um zwei tragische Vater-Tochter-Beziehungen und zwei politische Ereignisse geht. Sabrina stirbt am 11. September im World Trade Center, während Muna 2004 in Bagdad bei einem Bombenattentat ums Leben kommt. „September“, so der Verlag, erzählt vom „Islam, von Öl, Terror und Krieg und von zwei Frauen, die stellvertretend für die Opfer dieses Konflikts stehen“.

Am Sonntag gibt es, ebenfalls im LCB, ab 10 Uhr in der Reihe „Internationale Gespräche“ einen literarischen Tag mit Lesungen, Diskussionen und Konzerten zum Thema „Meine zwei Muttersprachen“. Es lesen u. a. die aus Argentinien stammende Maria Cecilia Barbetta und die türkische Autorin Pinar Selek.

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