SCHREIB Waren : Ein neuer Messias muss her

Steffen Richter stellt sich vor, die Geschichte wäre ganz anders verlaufen

Steffen Richter

Nehmen wir einmal an, der Staat Israel wäre schon 1948 in die Brüche gegangen. Nehmen wir weiter an, Amerika hätte den Juden beizeiten Zuflucht geboten und ihnen ein Territorium im Südwesten Alaskas zur Verfügung gestellt: den föderalen Distrikt Sitka. Nun, nach 60 Jahren, liefe der Siedlungsvertrag allerdings aus und ein neuer Messias wäre vonnöten. – Gewiss, gerade zum 60. Gründungstag Israels ist diese Vorstellung nicht eben opportun. Es ist auch nur so eine Idee. Sie stammt von Michael Chabon, der die Geschichte gern von ihrer Faktizität und vermeintlichen Zwangsläufigkeit befreit.

Erstaunlich ist das schon: Einerseits geht von Amerika große normative Macht aus. Andererseits scheint es nirgendwo so viel historische Fantasie zu geben. Gerade hat zum Beispiel Thomas Pynchon in „Gegen den Tag“ geklärt, warum der Campanile auf dem Markusplatz von Venedig 1902 in sich zusammenfiel: Die Sache geht auf das Konto der Luftschiffer vom (fiktiven) Abenteuernetzwerk „Freunde der Fährnis“. Nun also erzählt der amerikanisch-jüdische Schriftsteller Chabon, der russische, polnische und litauische Herkünfte vereint, von einer irrwitzigen historischen Alternative, verpackt als Hard-boiled-Krimi à la Chandler. Sein Detektiv Meyer Landsman wird mit dem Tod eines Junkies konfrontiert. Der war schwul, Sohn des Rabbis und vielleicht doch der Messias … Mit diesem wilden Roman, der Vereinigung jiddischer Polizisten (Kiepenheuer & Witsch), kommt Michael Chabon am 30.5. (19 Uhr) ins Jüdische Museum (Lindenstr. 9–14, Kreuzberg).

Dass alles auch hätte anders kommen können, hat oft einen hoffnungsfroh-utopischen Beiklang. Manchmal sollte man jedoch dankbar sein, dass alles genau so gekommen ist und nicht anders. Wie aus ganz normalen Familienvätern mordende Nazis werden konnten, ist eine sattsam bekannte, wenn auch bis heute nicht endgültig geklärte Frage. Jan Philipp Reemtsma, Gründer und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung, aber dreht sie um: Wie konnte es geschehen, fragt er, dass ehemals mordende Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg „unsere ganz normalen Väter“ wurden? Nach den Gewaltexzessen von zwölf Jahren hätte man durchaus mit „Folgekatastrophen“ rechnen können. Sein Buch „Vertrauen und Gewalt“ (Hamburger Edition) stellt Reemtsma am 29.5. (20 Uhr) im Literaturhaus vor (Fasanenstr. 23, Charlottenburg).

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