SCHREIB Waren : Eine Art des Verschwindens

Steffen Richter über den Stolz der Gegenwart auf die vergangene Zeit.

Steffen Richter

Berlin Manchem dürfte noch in den Ohren dröhnen, was Nicolas Sarkozy, der Sieger der Parlamentswahlen am Wochenende, schon während des Wahlkampfes um die Präsidentschaft verkündet hatte: Weil Frankreich keinen Völkermord begangen und keine Endlösung erfunden habe, brauche es auch nicht zu erröten. Es solle sich daran erinnern, „dass es die Helden des freien Frankreich und der Résistance gegeben hat“. Alles ist gut, lautet die Botschaft. Und es klingt wie in den 70er Jahren, als der Mythos einer in der Résistance vereinten Nation noch intakt war.

Eine Schriftstellerin wie Cécile Wajsbrot dürfte über die Ansichten ihres neuen Präsidenten wenig erfreut sein. In mehreren Büchern hat sie gegen die Chimäre vom Volk im Widerstand angeschrieben und den Umgang der französischen Literatur mit Résistance und Kollaboration kritisiert. Freilich in ihrer ganz eigenen Art: mit poetischen statt didaktischen Mitteln – wie im Roman „Der Verrat“ (Liebeskind). Erzählt wird die Geschichte eines bekannten Radiomoderators, der sein Leben mit einer ungeheuerlichen Lüge zubringt. Um seiner selbst willen hatte er eine Frau „vergessen“, die er während des Krieges geliebt und doch aus Feigheit im Stich gelassen hat, als sie mit anderen Pariser Juden nach Auschwitz deportiert wurde. In Frankreich erschien „Der Verrat“ bereits vor zehn Jahren, als Diskussionen um Vichy und die Kollaboration auf der Tagesordnung standen. Zwischenzeitlich hat sich Cécile Wajsbrot über den Umgang mit der Vergangenheit längst neue Gedanken gemacht. Etwa in ihrem kleinen Berlin-Roman „Mann und Frau den Mond betrachtend“, einem ihrer jüngeren Bücher, das allerdings lange vor den älteren auf Deutsch erschien.

Immerhin, wie wichtig diese Bücher sind, zeigte vor wenigen Tagen ein Wajsbrot gewidmetes Colloquium an der Freien Universität. Nun, am 14.6. (20 Uhr), liest die Autorin, die zurzeit als DAAD-Stipendiatin in Berlin lebt, in der daadgalerie (Zimmerstr.90/91, Mitte).

Über das Verhältnis von Erinnern und Verdrängen sowie das Uminterpretieren von Geschichte macht sich auch Kevin Vennemann höchst komplexe Gedanken. Er kommt am 14.6. (20 Uhr) mit seinem Roman „Mara Kogoj“ (Suhrkamp) über ein Massaker an Slowenen in den Literarischen Salon der Allianz (An den Treptowers 1, 30. Etage, Treptow).

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