Schreib-Waren : Eisiger Wind in Triest

Steffen Richter räumt mit dem Mythos vom schönen Süden auf

Steffen Richter

Nach Süden, nach Süden wollten sie fliegen, sang einst eine ostdeutsche Rockband. Es ging darum, „vor dem Winter abzuhaun“. Da hatte der Zensor wohl gedöst. Doch eine Oppositionshandlung oder gar eine musikalische Offenbarung war das seichte Liedchen nicht. Dennoch veranlasst es zu einer Spekulation: Wenn der Osten nun gar nicht nach Westen wollte? Wenn der Westen für den Osten nur ein Transitraum auf dem Weg nach Süden gewesen wäre!

Dieser Süden ist – gerade bei uns, im fast hohen Norden – einer der wirkungsmächtigsten Mythen der letzten Jahrhunderte. Und zumindest teilweise ein Missverständnis. Eingebrockt haben uns das die Herren Winckelmann und Goethe. Dank ihnen glauben wir, der Süden sei heiß und sinnlich, seine Bewohner seien schön und freundlich. Denn sie arbeiten kaum, und trotzdem wächst ihnen der Parmaschinken in den Mund und der Chianti kommt aus der Leitung. Ganz zu schweigen davon, dass dieser Süden als Wiege der europäischen Kultur uns allen eine lieblich-idyllische Heimat im weiteren Sinne ist. Das Bild bekommt ein paar Kratzer, wenn man mal im Industriegebiet zwischen Turin und Mailand unterwegs war oder die Müllberge von Neapel besucht hat. Wenn man lombardische Herzlichkeit genossen oder Winde wie die eisige Bora Nera in Triest erlebt hat. Es kann im Süden nämlich jämmerlich kalt werden. Vor allem, wenn man diesen Süden ausweitet bis zum Pol und endlich von Italien befreit. Dieter Richter, nicht zufällig ein Germanist, hat sich der Sache angenommen und mit „Der Süden. Geschichte einer Himmelsrichtung“ (Wagenbach) den kulturgeschichtlichen Hintergrund unserer Südsucht geliefert.

Es beginnt damit, dass Verheißungen traditionell aus dem Osten kamen. Dort geht die Sonne auf, dort liegen das Paradies und Jerusalem. Vom Norden aber wollen wir nicht reden, denn rings um die mythische Insel Ultima Thule gibt es nur Frost. Gen Westen, jenseits der Säulen des Herkules an der Meerenge von Gibraltar, gibt es lange Zeit gar nichts. Und von Süden dräut Ungemach. Dort leben Krokodile, Troglodyten und Pygmäen. Dort zeugt die Hitze so viel Irrationales, dass der Verstand abdanken kann. Wie die Idee vom Süden umgewertet wurde und über die Terra Australis Incognita sowie die Südseeinsel Tahiti nach Italien wanderte, das erfährt man bei Richter am 20.10. (20 Uhr) im Buchladen Bayrischer Platz (Grunewaldstr. 59, Schöneberg).

Aus Gründen der Gleichbehandlung von Himmelsrichtungen sei nicht verschwiegen, dass der schwedische Autor Lars Gustafsson am 19.11. (20 Uhr) im Felleshus der Nordischen Botschaften aus „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme“ (Hanser) liest (Rauchstr. 1, Tiergarten) – einer philosophischen Geschichte der Zeit im Allgemeinen und der schwedischen Fünfziger im Besonderen. Was aber die Süd-Flüchtlinge aus der DDR betrifft: Es ging ja nur darum, wegzukommen. Und dass Himmelsrichtungen relativ sind und sich historisch wandeln, weiß keiner besser als der Westberliner. Für ihn war 40 Jahre lang in allen Richtungen Osten.

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