SCHREIB Waren : Mein Leben als Linker

Andreas Schäfer spürt der wirklich politischen Literatur nach

Andreas Schäfer

Das Politische ist in der Literatur zurück, hieß die kleine Debatte im Frühjahr, die gar keine war. Sie war mehr eine These, die das Schreiben von Sammelrezensionen zu neuen, keineswegs politischen Büchern von Michael Kumpfmüller und Dirk Kurbjuweit legitimierte. Diese sind nur in einer gegenwärtigen Sphäre der Politik angesiedelt, was allerdings in der deutschsprachigen Literatur ungewöhnlich ist. In Wirklichkeit gab es die Politik immer in der Literatur (Uwe Timm, Peter Schneider), besser gesagt; das politische Engagement ihrer Protagonisten, von dem meist im Rückblick erzählt wird. Was in der Natur einer facettenreichen Figurengestaltung liegt. Im Rückblick kommt zur politischen Handlung noch Desillusionierung oder Verklärung hinzu, was literarisch interessanter ist.

Michael Wildenhain
schreibt seit zwanzig Jahren Romane über Politaktivisten und die Nachwehen ihrer Taten. Sein Roman „Träumer des Absoluten“, den er im Brecht-Haus (10. 9.) und im Buchhändlerkeller (11. 9.) vorstellt, verfolgt über vierzig Jahre das Leben zweier Linker. Der eine wird Professor, der andere sucht die Nähe zum islamistischen Terror. Politische Träume hatte auch der Ich-Erzähler in Karl Heinz Otts virtuoser Suada „Ob wir wollen oder nicht“ (11.9., Literaturhaus). Früher wollte er die Welt verändern, gründete Land-Wohngemeinschaften mit freier Liebe, heute ist ihm nur noch ein Kumpel geblieben, Ex-Pfarrer und ebenfalls gescheitert, mit dem er jeden Abend trinkt und Haydn hört.

Ein Klassiker des politischen Aktivistenrückblicks ist die Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ von Manès Sperber. Als junger Mann trat Sperber der Kommunistischen Partei bei, nach seinem Austritt 1937 rechnete er mit deren ideologischer Verblendung ab. Das Literaturhaus eröffnet am 14.9. eine Ausstellung über Leben und Werk des jüdischen Schriftstellers, Sozialpsychologen und Philosophen. Wie zukünftiges Linkssein ohne Verblendung aussehen kann, als Linksliberalismus 2.0, erklärt am 15.9. in Lehmanns Fachbuchhandlung der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens mit „Links! Comeback eines Lebensgefühls“.

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