SCHREIB Waren : November, verweht

Thomas Wegmann

Zurzeit ist wieder einmal Blätterzeit: „Im Herbst bei kaltem Wetter / fallen vom Baum die Blätter – / Donnerwetter, / im Frühjahr dann / sind sie wieder dran – / sieh mal an.“ Schrieb einst der reimende Virtuose Heinz Erhardt auf ein ganz anderes Blatt. Doch weil der Weg von den fallenden zu den beschrifteten Blättern traditionell kurz ist, guckt der Literaturbetrieb im Herbst gerne den aus ihm hervorgegangenen papiernen Blättern nach. Und wenn der Betrieb etwas so lange anschaut, vergibt er Preise und Stipendien, gewissermaßen als Abbitte dafür, dass er so lange schaut.

Der Herbst ist also Literaturpreiszeit, wohl wegen der allgemeinen Blattliebe: Das beginnt mit dem Deutschen Buchpreis, setzt sich fort über den Nobelpreis und findet beim Büchnerpreis noch lange kein Ende. Und damit wären wir endlich bei den Veranstaltungen der nächsten Tage, die ganz im Zeichen preisgekrönter Blätter stehen.

Besonders viel Ausgezeichnetes gibt es am Sonntag um 11 Uhr im Berliner Ensemble zu sehen und zu hören, wenn sich die diesjährigen Preisträger des Berliner Autorenstipendiums in einer Matinee vorstellen. 14 Schriftstellerinnen und Schriftsteller erhalten ein sechsmonatiges Arbeitsstipendium, das die Senatskanzlei / Kulturelle Angelegenheiten im Rahmen der Autorenförderung vergibt.

Neben den Preisträgern – darunter der in diesem Jahr schon mit dem Bachmannpreis bedachte Peter Wawerzinek, der am Donnerstag um 20.30 Uhr auch im Buchhändlerkeller aus seinem Roman „Rabenliebe“ lesen wird (Carmerstr. 1) – sind Sekt, Musik und moderierende Jurymitglieder angekündigt.

Mit dem Büchnerpreis wurde in diesem Jahr Reinhard Jirgl ausgezeichnet. Außerdem wurde er – wie vier andere Autorinnen und Autoren auch – im Rahmen des Projekts „Doppelnaht“ eingeladen, mit einem Partner seiner Wahl einen literarischen Dialog über den Stand der deutschen Einheit und die gegenwärtige Situation im Land aufzunehmen.

Das Ergebnis stellt er zusammen mit dem in Berlin lebenden schwedischen Autor und Regisseur Ulf Peter Hallberg am Montag um 20 Uhr im Collegium Hungaricum (Dorotheenstraße 12) vor. Ausgehend von den eigenen Lebensumständen und Alltagsbeobachtungen werden politische, gesellschaftliche und künstlerische Fragen reflektiert. Echte Blattschüsse sind zum Glück nicht zu erwarten, ein vielfarbiges Blätterwerk hingegen schon.

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