SCHREIB Waren : Ortloses Schreiben

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Seit einigen Jahren vollzieht sich in der Literatur ein Wandel von der sogenannten Weltliteratur hin zur „Global Literature“. Es erscheinen immer mehr Bücher von Migranten und Sprachwechslern, die aus Krisengebieten oder Ländern der Dritten Welt stammen, inzwischen aber in England, Kanada oder den USA leben (oder zumindest gelebt haben) und meist auf Englisch schreiben – über Identitätsfragen und kulturelle Mischverhältnisse.

In Deutschland hat sich unter anderem die Kritikerin Sigrid Löffler dieser Literatur verschrieben. Sie ist in der Jury zum „Internationalen Literaturpreis“ und Gastgeberin einer Lesereihe im Literarischen Colloquium, die sich der „Literatur ohne festen Wohnsitz“ widmet. Mohammed Hanif, David Chariandy oder Aleksandar Hemon waren bei ihr schon zu Gast. Heute liest der aus Somalia stammende Erzähler Nuruddin Farah, der regelmäßig als Kandidat für den Nobelpreis genannt wird. 1945 in Somalia geboren, studierte er in Indien, wurde 1976 unter der somalischen Militärdiktatur in Abwesenheit zum Tode verurteilt, lebte in den USA und verschiedenen europäischen Ländern, bevor er sein Heimatland erst nach zwanzig Jahren wieder besuchen durfte. Sein neuester Roman „Netze“ (Suhrkamp) erzählt von einer Somalierin, die aus dem kanadischen Exil nach Mogadischu zurückkehrt und dort den Kampf gegen einen Warlord um das ehemalige Haus der Familie aufnimmt (Am Sandwerder 5, 20 Uhr).

Vom weniger lebensgefährlichen Hin und Her zwischen den Welten erzählt auch Max Frischs drittes, aus dem Nachlass herausgegebenes Tagebuch von 1982, das vor einigen Wochen die Schweizer Gemüter erhitzte und eine Debatte über die Qualität der Notate auslöste. Frisch pendelte damals mit seiner wesentlich jüngeren Freundin Alice Locke-Carey zwischen New York und der Schweiz, fühlte sich freilich weder hier noch dort wohl. Altersmelancholie, Schreibzweifel, Beziehungssorgen – Frischs Unbehagen hatte aber noch einen anderen Grund: Sein vertrautes Rollenspiel ließ sich nicht nach Amerika übertragen. Seit Jahrzehnten hatte er in Europa den kritischen Schriftsteller gegeben, war vor dieser Festlegung dann regelrecht geflohen, ohne das reflexhafte Aufbegehren auf der anderen Atlantikseite lassen zu können.

Mit kindlichem Trotz kritisierte er bei Abendgesellschaften am amerikanischen way of life herum und erntete – allergrößte Schmach! – nicht einmal Widerspruch, sondern nur bedauerndes Lächeln. „Es gibt in Amerika alles – nur eins nicht: ein Verhältnis zum Tragischen.“ Das war die Tragik seines Amerika-Aufenthaltes (der Tagebuch-Herausgeber Peter von Matt heute im Gespräch mit Peter Bieri in den Museen Dahlem, Lansstraße 8, 19.30 Uhr).

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