SCHREIB Waren : Schmerzhafte Selbstversuche

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In diesem Jahr feiert die Berliner Charité, die sich selbst für das beste Krankenhaus der Welt hält, ihren 300. Geburtstag. Der Berliner Autor Falko Hennig hat an der Geburtstagschronik mitgeschrieben und ist dabei auf Horrorgeschichten gestoßen, die er in der skurrilen Geschichtensammlung „Der Eisbär in der Anatomie“ zusammengefasst hat. Der Fortschritt hatte auch hier eine brachiale Schattenseite. Zu den eher harmlosen Anekdoten gehört, dass die Ärzte einige Methoden an sich selbst testeten, bevor sie damit auf die Patienten losgingen. So ließ sich Ende des 19. Jahrhunderts ein Assistent des später zu Weltruhm gelangten August Bier etwa Knochen nahezu zertrümmern und brennende Zigaretten auf der Haut ausdrücken, um die betäubende Wirkung der ersten Spinalanästhesie zu prüfen.

Damals war die Charité nicht nur berühmt, sondern auch für ihre furchtbaren Zustände berüchtigt. In dem ehemaligen Militärkrankenhaus herrschte den Patienten gegenüber ein zackiger Kasernenhofton, auch mit der Hygiene nahm man es nicht genau (die Bettpfanne stand gleich neben dem Esstablett) – daran änderte sich erst etwas, als die SPD erfolgreich zum Boykott des Hauses aufrief. Wie Hennig zeigt, gab es an der Charité auch eine traurige Tradition, im Namen des Heilens und der Forschung zu töten, ob aus Versehen oder gewollt. Robert Koch spritzte Patienten mit Tuberkulin tot, und vor einigen Jahren geisterte Irene B. als „Todesengel“ durch die Medien. Die selbsternannte „Mitwirkende am göttlichen Willen“ tötete fünf Menschen, bevor schließlich ein Verdacht schöpfender Kollege zur Polizei ging (Mittwoch, Kaffee Burger, Torstraße 60, 20. 30 Uhr).

Von der Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Wirklichkeit handelt auch „Der bulgarische Bilderstreit“. Die Kunsthistorikerin Martina Baleva untersuchte das Gemälde „Das Massaker von Batak“ von 1892, das von dem Massaker der Osmanen an der aufständischen bulgarischen Bevölkerung im Jahr 1876 erzählt – bis heute wird es in Schulbüchern gezeigt, prägt es das patriotische Bewusstsein. Baleva fand heraus, dass das Gemälde auf inszenierten Fotos beruht und die Zahl der Opfer stark übertrieben wurde. Als sie ihre Ergebnisse öffentlich vorstellte, löste sie einen Sturm der Entrüstung aus. Sie erhielt Morddrohungen, der Ausstellungskatalog zu dem Thema wurde öffentlich verbrannt, schließlich musste die Autorin Bulgarien verlassen. Am kommenden Montag spricht sie mit Sibylle Lewitscharoff über „Mythenbildung und Meinungsfreiheit“ im Literaturhaus (Fasanenstraße 23, 20 Uhr).

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