SCHREIB Waren : Schön kann jeder

Steffen Richter wünscht sich mehr Mut zu kontroverser Literatur

Steffen Richter

Es ist kaum zu übersehen: Der neue Standard der literarischen Produktion heißt „Dienst nach Vorschrift“. Gemeint sind erwartbare Romane, mal ein bisschen abenteuerlich, mal anrührend, meist irgendwie historisch. Diese Schönschreibübungen bekommen Preise und gute Plätze auf Bestsellerlisten. Dass sie elektrisieren, kann man schwer behaupten.

Aber es gibt sie noch, die richtig wilden Bücher. Jüngster Fall ist der heftig diskutierte „Havemann“ des Dissidentensohnes Florian Havemann. Als feige, faul und verlogen porträtiert Havemann junior darin die DDR-Opposition. Sein Buch, nun ja, strotzt vor geschwätziger Selbstgerechtigkeit, gekränkter Künstlereitelkeit und unbewiesenen Behauptungen. Aber man kann es kaum aus der Hand legen. Weil man spürt, dass hier einer wirklich etwas zu sagen hat.

Auf andere Weise wild ist „Hinter Büchern“, ein Roman von Germar Grimsen. Grimsen hat die Zeitschrift „Salmoxisbote“ (Auflage: 100 Exemplare) herausgegeben und darin wunderliche Texte publiziert, etwa ein Pamphlet gegen das Professorentum („Sie lesen nicht, sie schreiben nicht, aber Bücher klauen sie doch.“). In seinem Roman geht es um einen Antiquar und einen Hölderlin-Erstdruck. Die Rede ist von der „Farbe Februarfrüh“ oder einem „dezemberwarmen Lebkuchleuchten“. Weil man das erklären muss, gibt es Fußnoten und ein dickes Register. Dieser Gegenentwurf zu gestutzter Schreibschulprosa ist heute (20 Uhr 30) in der Bar Monarch zu hören (Skalitzer Str. 134, Kreuzberg).

Wie man den Mainstream durcheinanderwirbelt, wusste schon Raymond Radiguet. Er starb 1923 mit nur 20 Jahren, hatte da aber schon „Den Teufel im Leib“ geschrieben, einen Roman, dessen Patriotismusverweigerung damals ebenso skandalös war wie seine Absage an jegliche Romantik. Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hat das Buch neu zum Funkeln gebracht und liest daraus am 4.12. (20 Uhr) im Roten Salon der Volksbühne (Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte). Jean Cocteau und Paul Valéry waren übrigens begeistert von Radiguet. Mit radikalen Büchern macht man sich selten Freunde – wenn aber doch, dann nicht die schlechtesten.

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