SCHREIB Waren : Schwör mir den Rütli

Steffen Richter hält nichts von eidgenössischer Buchpolitik

Steffen Richter

Die Schweiz ist etwas ganz Besonderes. Franken und Rappen verdient man dort und lagert sie auf sagenumwobenen Bankkonten. Lebensmittelverpackungen warnen gar vor Inhaltsstoffen aus der EU. Angefangen hat die schweizerische Besonderheit auf dem Rütli. Der ist nicht nur Namensgeber einer Neuköllner Skandalschule, sondern auch eine Bergwiese am Vierwaldstädtersee. Dort, so die Legende, sollen die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 einen Bund geschlossen und den Rütlischwur geleistet haben. Da ward sie geboren, die Eidgenossenschaft. Ihren Nationalfeiertag, den 1. August, nimmt das Literarische Colloquium zum Anlass, die schweizerische Literatur zu feiern.

Was es zu feiern gibt, muss sich allerdings erst zeigen. Das wichtigste buchpolitische Ereignis der Schweiz war zuletzt zweifellos die Aufhebung der Buchpreisbindung im Mai. So speziell das Land ansonsten sein mag, sein Buchmarkt reagierte wie anderswo: Bestseller wurden um ein Drittel billiger. Den neuen Donna-Leon-Roman gibt es statt für 37,90 schon für 26,55 Franken. Entsprechend teurer werden weniger stromlinienförmige Bücher. Und kleinere Buchhandlungen bekommen ernste Probleme. Die Zukunft, in der man Bücher bei ein, zwei großen Ketten, ansonsten aber in Supermärkten und Tankstellen kaufen kann, ist keine kulturpessimistische Dystopie mehr, sie steht vor der Tür.

Doch Schweizer Autoren suchen ihr Heil ohnehin gern jenseits der Landesgrenzen. So auch viele Teilnehmer des Schweizer Sommerfests im Literarischen Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 27. Juli, 19 Uhr). Silvio Huonder („Valentinsnacht“, Nagel und Kimche) etwa lebt im Brandenburgischen an der Havel. Auch Maurice, der Taugenichts aus Matthias Zschokkes „Maurice mit Huhn“ (Ammann), hat es nicht weit zum Wannsee – er kommt aus dem Wedding. Alain Claude Sulzer („Privatstunden“, Edition Epoca) wohnt abwechselnd in Basel und im Elsass. Nur Peter Weber scheint tatsächlich aus Zürich anzureisen. Dafür jagt er sein Alter Ego Oliver in „Die melodielosen Jahre“ (Suhrkamp) aus der Schweiz über Frankfurt, Istanbul und Marseille nach Prag, Dresden und zurück in die Schweiz.

Was viele dieser Bücher gemeinsam haben, ist die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Routinen des Alltags: Je genauer man sie anschaut, desto wunderlicher schauen sie zurück. Außerdem kann man den im LCB versammelten Autoren einen Hang zur Miniatur attestieren. Auch das mag mit der Schweiz zusammenhängen.

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