SCHREIB Waren : Sehnsucht nach Seitenstraßen

Steffen Richter segelt nach Portugal

Steffen Richter

Es ist schon amüsant, wie der große portugiesische Nationaldichter Luis de Camões im portugiesischen Nationalepos „Lusiaden“ (1572) immer wieder beteuert: Ja, die Portugiesen seien wirklich wichtig. Obwohl sie, zugegeben, ein so kleines Volk seien. Derlei Komplexe gehören zu Portugal wie angeblich 365 Bacalhau-Rezepte, Fado und Saudade.

Um das Jahr 1500 waren die Portugiesen immerhin eine imperiale Macht. „Der Welt werden sie neue Welten bringen“, schreibt Camões. Das heißt: Für Europa werden sie koloniale Seewege nach Afrika, Asien und Amerika erschließen. Bartolomeu Dias umschifft das Kap der Guten Hoffnung, Vasco da Gama fährt nach Indien. Pedro Álvares Cabral will da ebenfalls hin, wird aber abgetrieben und entdeckt Brasilien. Die lusitanische Reisetätigkeit hat jedenfalls bis heute Folgen: Portugiesisch ist die fünftgrößte Sprache der Welt. Das macht das diesjährige Poesiefestival mit dem Fokus „Die Welt auf Portugiesisch“ klar. Nach der Eröffnung mit dem spektakulären „Weltklang der Poesie“ (5.7., 20 Uhr, wie alle Veranstaltungen in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10) gibt es am 6.7. (20 Uhr) „O mar de África“ mit Lyrik aus Mosambik, São Tomé und Principe, Angola, Kap Verde und Guinea-Bissau. Und am 7.7. (20 Uhr) wird mit Lissabon eine Stadt besichtigt, die keine großen Sehenswürdigkeiten wie Paris oder Rom braucht, weil jede Seitenstraße eine Sehenswürdigkeit ist. Dieses Lissabon soll mit Lyrik (u. a. Ana Paula Tavares und Paulo Teixeira), Film (Jorge Colombo), Rap (Pacman) und den Fados von Aldina Duarte in Szene gesetzt werden.

Wie immer wird vieles beim Poesiefestival in Originalsprache dargeboten. Oft geht es eben mehr um Klang und Musikalität als um Bedeutung. Über eine Parallelität von Übersetzen und musikalischem Umsetzen einer Komposition wird heute (20 Uhr) im Literarischen Colloquium nachgedacht (Am Sandwerder 5, Zehlendorf). In beiden Fällen, argumentiert man, werde ein Original interpretiert. Wie weit der Vergleich reicht, untersucht das Buch „In Ketten tanzen“ (Wallstein) – und eine Podiumsdiskussion mit der Übersetzerin Gabriele Leupold, dem Pianisten Stefan Litwin, der Lektorin Katharina Raabe und dem Bariton und Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel.

Einigkeit dürfte über die Unübersetzbarkeit des portugiesischen Wortes Saudade bestehen. Der Legende nach wurde König Sebastiano, als er Marokko zum christlichen Glauben bekehren wollte, von den Mauren ganz fürchterlich geschlagen. Auf dem Schlachtfeld in der Wüste seien tote Soldaten und tausende Gitarren zurückgeblieben. Allein Sebastiano, der letzte Spross der glorreichen Avis-Dynastie, wurde nie gefunden. Das Warten auf seine Wiederkehr, auf alte Größe gibt Anlass zu Saudade. Es geht also um Sehnsucht, nicht um ihre Erfüllung. Deswegen hat es mit dem Abschneiden der portugiesischen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM schon seine Richtigkeit. Saudade stiftet nationale Identität. Wehe also, man nimmt den Portugiesen die Gründe zum Klagen.

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