SCHREIB Waren : Stillsein ist ein Glück

Thomas Wegmann

Was ist der Vortrag von Bibelstellen vor versammelter Gemeinde anderes als eine literarische Lesung? Dieser Literaturbetrieb kommt nie so sehr auf Touren wie zu Weihnachten, dem Geburtstag jenes Herrn, an den man nicht einmal glauben muss, um seinen Einfluss bis in die nicht gerade kirchenaffine Popkultur zu hören: „Last Christmas I gave you my heart. But the very next day you gave it away.“ So kann’s gehen, alle Jahre wieder.

Wer das Weihnachtsevangelium selbst mal wieder aus berufenem Mund vorgelesen bekommen möchte, braucht sich nur in einen der zahlreichen Berliner Weihnachtsgottesdienste zu begeben, beispielsweise Heiligabend in den Berliner Dom, um 20, 22 oder 24 Uhr. Gewöhnlich gibt’s dann Lukas II, 1–20, auf die Ohren: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ Die Folgen sind bekannt.

Die meisten der im Gottesdienst verlesenen Texte werden jedoch nicht von ihren Autoren vorgetragen, sondern von speziellen Zeremonienmeistern. Und das gilt auch für eine ganze Reihe von durch und durch weltlichen Lesungen, die sich in den kommenden Tagen mit weihnachtlichen Texten beschäftigen, wie sie nicht in der Bibel stehen. Aus irgendeinem Grund nehmen dabei gern Schauspieler die Rolle der Priester und Bischöfe ein.

Uwe Ochsenknecht
etwa beklagt unter dem Titel „Früher war mehr Lametta“ nicht nur die Rarheit des gegenwärtigen Baumschmucks, sondern gibt auch skurrile und nachdenkliche, in jedem Fall aber weihnachtliche Geschichten zum Besten, die er nicht selbst geschrieben hat. Das Autorenspektrum reicht vielmehr von Kurt Tucholsky und Erich Kästner bis zu Hanns Dieter Hüsch und Loriot. Musikalische Begleitung von Piano, Violine und Bass ist ebenfalls angekündigt. Zu hören am heutigen Dienstag und morgen Abend, jeweils um 20 Uhr im Schlosspark Theater Steglitz (Schloßstraße 48).

Weihnachten ist in den hiesigen Breitengraden fest mit Winter assoziiert und der wiederum genauso fest mit Schnee, ob der nun fällt oder nicht. Weswegen Heide Simon und Hermann Treusch ihre Weihnachtslesung auch „Der Schnee fällt nicht hinauf“ nennen: am Donnerstagabend um 20 Uhr in der Literatur- und Pianobar Froschkönig (Weisestraße 17). Das Programm ist originell zusammengestellt und umfasst nicht nur Erwartbares von Kästner, Böll und Hüsch. Der Titel beispielsweise geht zurück auf eines der schönsten, aber weniger bekannten Wintergedichte. Es stammt von Robert Walser und heißt einfach „Der Schnee“.

„Der Schnee fällt nicht hinauf / sondern nimmt seinen Lauf / hinab (...) Das Ruhen und das Warten / sind seiner üb’raus zarten / Eigenheit eigen, / er lebt im Sichhinunterneigen. / Nie kehrt er je dorthin zurück, / von wo er niederfiel, / er geht nicht, hat kein Ziel, / das Stillsein ist sein Glück.“

Genau das unterschiedet den Schnee von Jesus C., der schon in wenigen Monaten wieder dahin zurückkehrt, von wo er Weihnachten niederkommt – zumindest feiertagstechnisch.

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