SCHREIB Waren : Teil des Problems

Steffen Richter staunt über die Medienschelte des Literaturbetriebs

Steffen Richter

Offenbar geht die Angst um, Leser müssten künftig orientierungslos durch Buchhandlungen irren, weil Elke Heidenreich ihnen nicht mehr befiehlt, was sie kaufen sollen. Es hat Unterhaltungswert, wenn die Chef-Emphatikerin des Literaturbetriebs um die Absetzung ihrer Sendung bettelt. Und es spricht Bände, wenn Verleger das ZDF anflehen, „Lesen!“ im Programm zu lassen. Wunderbar streiten lässt sich auch über die Frage, ob der Deutsche Buchpreis den Blick auf die Romane der Saison nun verengt oder fokussiert. Doch man kann es nicht oft genug sagen: Literatur und Literaturbetrieb sind zwei Dinge. Die gegenwärtigen Diskussionen zeigen vor allem, dass das Produkt Buch – auch dank seiner medialen Multiplikatoren – verdammt gut „aufgestellt“ ist.

Wenn man sich freilich mit Literatur und Literaturförderung im engeren Sinne befasst, lässt die Aufmerksamkeit schnell nach. Viel zu wenige Besucher haben etwa die tolle Ausstellung über den kommunistischen Renegaten Manès Sperber gesehen, die bis vor kurzem im Literaturhaus lief. Und wer kennt schon die ganze Maßnahmenpalette, mit der sich die Literaturwerkstatt um die als Randgruppenphänomen belächelte Lyrik kümmert? Auch vom Literarischen Colloquium gibt es Neues zu vermelden: Halma. Auf Altgriechisch soll Halma „Sprung“ heißen. Und „der Sprung“, sagt Heiner Müller, „macht die Erfahrung, nicht der Schritt“. Deswegen ist „Halma“ der Name eines Netzwerks, in dem derzeit 16 Literaturzentren aus elf Ländern zusammengeschlossen sind: Von Cetate in Rumänien über Plovdiv in Bulgarien bis nach Prag und Kiel soll Autoren, Übersetzern und Lektoren eine europäische Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden. Dabei steht zunächst das lange abgehängte Osteuropa im Vordergrund. Doch weil, wie beim Halma-Spiel, erst lange Bahnen mit vielen Sprüngen attraktiv sind, ist eine baldige Westerweiterung geplant. Zunächst aber ist nun die erste „Halma“-Stipendiatin Hausgast im LCB: Filipa Melo. Die in Lissabon lebende Journalistin und Autorin stellt heute um 20 Uhr ihren Roman „Das ist mein Körper“ vor. Mit dabei sind die anderen LCB-Hausgäste Marius Hulpe, Christian Schloyer und Roland Reichen (Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Auch sonst gibt es viel Aktuelles zu hören: Am Berliner Ensemble unterhalten sich Tagesspiegel-Redakteur Gregor Dotzauer, der Leiter des Literaturhauses Ernst Wichner und die Journalistin Wiebke Porombka während der Sonntags-Matinee „Berliner Manuskripte“ (2. 11., 11 Uhr) mit Berliner Literaturstipendiaten wie Jan Faktor, Inka Parei, Björn Kuhligk und der als Verlegerin bekannten Daniela Seel. Und im Buchhändlerkeller (30.10., 20.30 Uhr, Carmerstr. 1) liest Norbert Niemann aus „Willkommen neue Träume“ (Hanser). In diesem ganz auf Gegenwart geeichten Roman geht es auch um Kritik an den künstlichen Paradiesen unserer Medien. Aber Vorsicht: Es könnte sein, dass man längst Teil dessen ist, was man kritisiert. Das hat Elke Heidenreich offenbar ausgeblendet.

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