SCHREIB Waren : The Winner Takes It All

Steffen Richter stöhnt über die Olympisierung des Literaturbetriebs

Steffen Richter

Die Spiele sind zu Ende, der Sportsgeist bleibt. In die Literatur jedenfalls ist er längst eingesickert. Wie sich bald niemand mehr an Silber- und Bronzemedaillen erinnern wird, so wird Ende Oktober, nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises, von zwanzig für die Longlist nominierten Romanen nur noch einer bekannt sein. Der Sieger marschiert durch die Bestsellerlisten, dem Rest droht Verramschung. Ganz zu schweigen von denen, die nicht mal auf der Longlist stehen.

Muss man also im Literaturbetrieb von ähnlichen Praktiken ausgehen wie im Sport: Einflussnahmen, Absprachen, sogar Doping? Die historisch nachweisbare Drogenpalette ist breit. Sie reicht von den faulen Äpfeln, die Schiller des Geruchs wegen im Schreibtisch deponierte, über Thomas De Quinceys Opiumversuche bis zu Walter Benjamins Haschkonsum. In der Kategorie Betrug dürfte das Plagiat führend sein, auch das nicht deklarierte Ghostwriting ist hier anzusiedeln. Einen Supercoup landete der angeblich aus keltischer Vorzeit stammende Ossian, dessen „Gesänge“ ein europäischer Bestseller des 18. Jahrhunderts wurden – verfasst hatte sie der Schotte James MacPherson, ein Zeitgenosse Goethes.

Die Spiele sind vorbei. In der nun beginnenden Literatursaison könnte unser Interesse doch auch einmal jenen gelten, die „in den Vorläufen ausgeschieden“ sind, die auf keiner Liste stehen und ohne mediale Flankierung auskommen. Gelegenheit dazu bietet am 29.8. (20 Uhr) der Saisonauftakt im Literarischen Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf). Dort lesen Michael Wildenhain, Marion Poschmann, Judith Kuckart, Christoph Geiser, Gerd-Peter Eigner und Susanne Schirdewahn. Tags darauf (30.8., ab 15 Uhr) stellen sich am selben Ort zum dritten Mal die „Kleinen Verlage am Großen Wannsee“ vor – ebenfalls mit „nicht gelisteten“ Autoren wie Ulrich Schlotmann (Urs Engeler), Johanna Straub (Liebeskind), Sabine Scho und Monika Rinck (kookbooks).

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