SCHREIB Waren : Vergleichsweise unterschiedlich

Steffen Richter über Äpfel, Birnen und Benedikts Bilanz

Steffen Richter

Natürlich darf man Äpfel mit Birnen vergleichen. Man muss sogar, sonst hätte man von beidem keinen Begriff. Vergleichen ist eine Grundoperation des Denkens. Auch Martin Mosebach darf den Revolutionsterroristen Saint-Just selbstredend mit dem SS-Führer Heinrich Himmler vergleichen. Denn er zeigt dabei Unterschiede auf, die lange verschüttet waren. Plötzlich nämlich ist die „taz“ wieder verlässlich links, die „FAZ“ einigermaßen rechts und „Die Welt“ so konservativ, dass sie vor die ästhetische Moderne zurück will. Das sind wenigstens Positionen, über die sich streiten lässt!

Mosebach polarisiert, nicht erst seit gestern. In seinem Essay-Band „Häresie der Formlosigkeit“ hat er die „römische Liturgie“ verteidigt, bei der der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde betet. Ein nicht grundlos tradiertes Ritual, das sich dem Krächzen des Zeitgeists verschließt. Einen Mitstreiter hat Mosebach in Papst Benedikt XVI., der die lateinische Messe im Sommer als „außerordentliche Form der Liturgie“ freigegeben hat. Es wird also eine höchst aktuelle Diskussion, wenn der Philosoph Rudi Thiessen und der „taz“-Redakteur Philipp Geissler heute (20 Uhr 30) im Buchhändlerkeller (Carmerstr. 1, Charlottenburg) über Kirchenlatein, Ökumene und Benedikts Bilanz streiten.

Wunderlicher als der „Roll-Back“ in der politischen Kultur ist der in der Ästhetik. Seit das „Erzähltabu“ gefallen ist, stehen literarischer Biederkeit Tür und Tor offen. Jüngstes Beispiel ist Julia Francks Buchpreis-prämierter Roman „Die Mittagsfrau“ (S.Fischer), eine Familiengeschichte aus der NS-Zeit. Fragwürdig ist nicht die Geschichte, aber ihre glatte, zum Kitsch tendierende Sprache. Heute (19 Uhr 30) kann man sich ein eigenes Urteil bilden, wenn Julia Franck im Max-Liebermann-Haus liest (Pariser Platz 7, Mitte). Und man kann das Buch vergleichen. Etwa mit Arno Geigers Familienroman „Es geht uns gut“, der vor zwei Jahren den Buchpreis gewann. Es ist eben nicht alles wie Nashi, die Chinesische Apfelbirne mit Birnenaroma und Apfelsäure.

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