SCHREIB Waren : Weg mit dem Speck

Steffen Richter ist kein Freund von übergewichtigen Wälzern

Steffen Richter

Grundsätzlich ist gegen 1000-Seiten-Bücher nichts einzuwenden. Joyces „Ulysses“ erreichte dieses Format, Dostojewskis „Brüder Karamasow“, von Prousts „Recherche“ ganz zu schweigen. Jonathan Littell aber stellt die Leserlangmut mit seinem 1400-Seiten-Wälzer „Die Wohlgesinnten“ doch arg auf die Probe. Denn Lesezeit, das sollte man nie vergessen, ist Lebenszeit.

Auch stimmt skeptisch, dass Jonathans Vater Robert Littell in Interviews nur sehr zurückhaltend über das Buch seines Sohnes spricht. Littell der Ältere ist für seine Spionagethriller bekannt, „Kalte Legende“ wählte die Krimiweltjury sogar zum besten Krimi 2006. Gerade ist „Die Söhne Abrahams“ erschienen, in dem Ähnlichkeiten islamistischer und jüdischer Fundamentalisten verhandelt werden. Das Buch hat 350 Seiten und liest sich von Anfang bis Ende spannend. Vielleicht schwante dem Vater ja, was die deutschen Rezensenten gerade einmütig monieren: „Die Wohlgesinnten“ sei ein erzählerisch unterambitionierter Materialsteinbruch, aus dem man trotz des monströsen Formats nichts Neues erfahre. Da Literaturkritiker ja dabei helfen sollen, Lese- und Lebenszeit sinnvoll zu gestalten, spare man sich also dieses Buch und schaue sich nur das Gespräch zwischen Littell junior und Daniel Cohn-Bendit am 28.2., 20 Uhr, im Berliner Ensemble an (Bertolt-Brecht-Platz 1).

Sinnvoll verbrachte Lebenszeit garantiert hingegen Edgar Hilsenrath. In dessen berühmtestem Buch „Der Nazi und der Friseur“ geht es wie bei Littell um einen SS-Mörder. Nur konnte Hilsenrath sich wenig anlesen, weil er vieles erleben musste: Aus Leipzig flüchtete er 1938 vor den Nazis in die Bukowina, überlebte ein ukrainisches Lager, floh vor der Roten Armee, gelangte über Israel und Frankreich nach New York und lebt seit 1975 in Berlin. Sein Buch über den Nazi Max Schulz, der seinen jüdischen Jugendfreund Itzig Finkelstein erschießt, nach dem Krieg in dessen Haut schlüpft und nach Palästina auswandert, wollte in Deutschland lange niemand drucken. Weil es das deutsche Bild von jüdischen Opfern gegen den Strich bürstet: Bei Hilsenrath gehen die Juden im Ghetto ziemlich grausam miteinander um, wohlfeiler Philosemitismus wird verspottet. Nur der kleine Kölner Dittrich Verlag hatte den Mut, das Buch zu veröffentlichen. Dort liegt nun auch eine zehnbändige Werkausgabe vor. Aus ihr liest Edgar Hilsenrath ausgewählte Texte, wenn er am 3.2., 20 Uhr, ins Literarische Colloquium kommt (Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Wer seine Lebenszeit unbedingt mit dicken Romanen verbringen will, sollte bis Mai warten. Dann erscheinen 1760 Seiten Thomas Pynchon. That’s the real stuff.

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