SCHREIB Waren : Wer die Nachtigall hört

Steffen Richter zeigt uns einen Vogel

Steffen Richter

Im Jahr 1832 verließ Nikolaus Lenau das Europa der Restauration und reiste frohgemut in die USA. Bald aber begann der Dichter zu mäkeln: In Amerika gäbe es „überhaupt keine wahren Singvögel“, doch hätte „die Nachtigall“ schon recht, „dass sie bei diesen Wichten nicht einkehrt“. Da spricht es Klartext, das europäische Unbehagen an Amerika.

Europa träumt sich Amerika seit zwei Jahrhunderten als barbarische, seelenlos-mechanische, flüchtige Gegenwart. Dem steht die Alte Welt mit ihrer organisch gewachsenen Kultur und ihrer traditionssatten Vergangenheit gegenüber. Nun aber – durch Irak-Feldzug und der Weigerung, dem Kyoto-Klimaprotokoll und Internationalen Strafgerichtshof beizupflichten – könnte der normale Antiamerikanismus eine neue Qualität bekommen. Das befürchtete am Wochenende auch Louis Begley, wahrlich kein Freund seiner Regierung, in der „Literarischen Welt“. Die westeuropäische und die amerikanische Gesellschaft würden seit 60 Jahren ein gutes Leben genießen, sagte er. Man habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit großer Freude „amerikanisiert“. Die deutsche Nachtigall ist längst nicht mehr das, was sie mal war. Recht hat Begley natürlich auch mit seiner Anmerkung, die amerikanische Regierung sei nicht mit den Amerikanern zu verwechseln. Lasst mir meinen Melville, meinen Poe und Pynchon! Man höre also auf die Stimmen, die in den USA zwar nicht den Ton angeben, aber unser Amerika-Bild gegen den Strich bürsten könnten. Zum Beispiel die Stimmen einer Minorität: der Lyriker.

Sie heißen Matthea Harvey, Christian Hawkey, Jeffrey McDaniel und Kevin Young. Sie gehören zu 19 Amerikanern, die von Kollegen wie Steffen Popp, Ron Winkler, Jan Wagner und Uljana Wolf ins Deutsche übersetzt wurden. Entstanden ist die Anthologie „Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik“ im Verlag Jung und Jung. Herausgeber Ron Winkler verspricht alle möglichen Formen von „pointierten kleinen Sets“ über „stoffsatte Mittelstreckenballaden“ bis zu „myriadischen Meditationen“. Wie das klingt, kann man bei der deutsch-amerikanisch besetzten und von Tagesspiegel-Redakteur Gregor Dotzauer moderierten Präsentation am 22.6. (19 Uhr) im Literaturhaus erfahren (Fasanenstr.23, Charlottenburg).

Spätestens am 23.6. übernimmt die Lyrik ohnehin das Kommando im Berliner Stadtgebiet. Das Poesiefestival startet am Nachmittag, wenn über 30 Dichter an „Poets’ Corner“ ihre Gedichte in die Stadtluft sprechen, darunter: Ulrike Draesner und Norbert Hummelt in Pankow, Björn Kuhligk und Brigitte Oleschinski in Neukölln, Uwe Kolbe und Monika Rinck in Charlottenburg (Programm: www.literaturwerkstatt.org). Am Abend (20 Uhr) gibt es in der Freilichtbühne im Volkspark Friedrichshain die internationale Poesie- Nacht „Weltklang“, diesmal unter anderem mit dem Südafrikaner Breyten Breytenbach, dem Nobelpreisträger Derek Walcott aus St. Lucia und Michael Lentz. Da wird man sehen, wie es um die Singvögel der verschiedenen Kontinente bestellt ist.

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