SCHREIB Waren : Willkommen im Museum

Thomas Wegmann

Im Italienischen gibt es den Spruch „Dietro liceo, davanti museo“, was auf Deutsch soviel heißt wie: hinten Lyzeum, vorne Museum. Gemeint sind die Körper älterer Menschen, die ihr Alter durch sehr viel Sport, Kosmetik oder Chirurgie zu kaschieren suchen – und dabei nur halb erfolgreich sind. Ganz erfolgreich hingegen sind die Bemühungen zahlreicher Museen, ihre meist stummen Gegenstände durch gesprochene Worte zum Klingen zu bringen – und dabei selbst vorübergehend zum Lyzeum, zur Lesebühne oder gar zum Speiselokal zu werden. Die nächsten Tage bieten jedenfalls auffällig viele und auffällig interessante Veranstaltungen in Museen.

Das beginnt gleich heute Abend mit einem ungewöhnlichen Fund. Vor vier Jahren stießen der Schauspieler Hanns Zischler und die Illustratorin Hanna Zeckau im Zuge von Recherchearbeiten im Naturkundemuseum auf einen verwaisten Überseekoffer – bis an den Rand gefüllt mit Schmetterlingen. Gut achtzehntausend Falter aus dem kolumbianischen Hochland, verpackt in Hunderte von Zigarrenkistchen. Wie sich herausstellte, stammte der Koffer von dem Forschungsreisenden Arnold Schultze, der in den zwanziger und dreißiger Jahren Lateinamerika bereiste – und dessen gesamte Sammlungen und Forschungserträge 1939 mit dem Frachter versenkt wurden, der ihn nach Deutschland bringen sollte. Schultze selbst wurde auf Madeira interniert und nach seinem Tod 1948 vollkommen von der Welt vergessen. Und mit ihm der Schmetterlingskoffer, der indes nicht versunken, sondern auf anderem Weg vorausgereist war. Zischler und Zeckau tauchten ein in die Welt des Forschungsreisenden, bestaunten die Falter, lasen Schultzes Tagebücher, Notizen und Aufsätze. Und verarbeiteten all das zu einem farbig illustrierten Buch mit dem Titel Der Schmetterlingskoffer, das sie heute um 19.30 Uhr im Naturkundemuseum (Invalidenstraße 43) vorstellen.

Farbig ist auch der Gegenstand, mit dem sich Bernd Wolfgang Lindemann, Kunsthistoriker und Direktor der Berliner Gemäldegalerie, zwei Tage später beschäftigt. Es geht um ein Reklameschild, das einen Lehrer und seine Frau zeigt, die drei Jungen und einem Mädchen das Lesen beibringen. Hans Holbein der Jüngere hat es 1516 nicht etwa für einen Händler, sondern für einen Schulmeister geschaffen: „Ein Schulmeister schilt uf beiden seiten gemolt“. Werbung für eine Schule – warum eigentlich nicht? Lindemanns Vortrag begleitet die Ausstellung „Welt aus Schrift“ und findet am Donnerstag um 18 Uhr im Vortragssaal des Kunstgewerbemuseums (Kulturforum) statt.

„Gegessen wird, was im Buch steht“ lautet das Motto der Reihe „Literatur zum Essen“, die an jedem zweiten Freitag eines Monats im Museum Dahlem (Takustraße 38-40) Ethnologisches, Kulinarisches und, nun ja, Buchstäbliches zu verbinden sucht. Die letzte Veranstaltung des Jahres ist traditionell dem polnischen Blues gewidmet, will heißen: Gelesen wird aus Janoschs Roman „Polski Blues“, aufgetischt wird das gesamte polnische Weihnachtsmenü bestehend aus zwölf verschiedenen Speisen, und Wodka soll’s auch geben – und das alles am Freitag um 19 Uhr für 29 Euro (Reservierungen unter Telefon 68 08 93 44). Museal klingt vermutlich anders.

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