SCHREIB Waren : Wir sind, was wir trinken

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Dass auf Lesungen weltbewegende, also große Fragen behandelt werden, liegt in der Natur der Sache, also der Literatur. Aber dass gleich die Lösung des „größten Rätsels des Lebens“ versprochen wird, ist selten. Das größte Rätsel des Lebens lautet: „Warum wurde der Mensch sesshaft?“ Bekanntlich hat diese Entwicklung mit der Verbreitung des Ackerbaus zu tun. Stimmt nur bedingt, sagt nun der Zoologieprofessor Josef H. Reichholf. Es lag am Bier beziehungsweise an den Bierkästen der damaligen Zeit. Das erste kultivierte Getreide war die zum Bierbrauen verwendete Gerste. Die Tontöpfe, in denen das Getreide und das Bier aufbewahrt wurden, behinderten die Mobilität, so war das Bier ein Grund, um sesshaft zu werden (Mittwoch, 29.9., Literaturforum im BrechtHaus, Chausseestr. 125, 20 Uhr).

Die Frage, die sich anschließt, liegt auf der Hand. Wie wurde der Mensch vom Bier- zum Weintrinker? Dies ist eines der wenigen Rätsel, das der neue große Roman „Was davor geschah“ von Martin Mosebach nicht beantwortet (beziehungsweise als beantwortet voraussetzt). Dafür werden reichlich andere Geheimnisse von in und bei Frankfurt am Main wohnhaften Menschen gelüftet: Welcher Wein wird auf Kronberger Sommerterrassen gereicht? Welches Mitglied der schwerreichen Familie Hopsten trinkt in welcher Zeit wie viele Gläser, welche Konsequenzen hat das? Mosebach beantwortet gut gelaunt die Frage, an welchem Punkt das Sesshaft- und Reich-und-Kultiviertsein in selbstzerstörerische Dekadenz übergeht (Mittwoch, 29.9., Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 20 Uhr).

Über die Schweizer Literatur kursiert seit Ewigkeiten das Gerücht, dass sie vornehmlich vom Muff der Enge und ihren psychischen und körperlichen Folgen handelt. Das mag vielleicht für die Bücher von Urs Faes gelten, dessen Roman „Paarbildung“ von der Arbeit eines Gesprächstherapeuten in einer onkologischen Klinik berichtet (Donnerstag, 30.9., Literaturforum im Brecht-Haus, 20 Uhr), es stimmt sonst aber kaum. Der neue Roman von Rolf Lappert spielt gleich am anderen Ende der Welt, „Auf den Inseln des letzten Lichts“, womit winzige Eilande der Philippinen gemeint sind. Dort sucht Tobey nach seiner Schwester Megan und stößt auf eine seltsame Forschungsstation (Dienstag, 28.9., Literarisches Colloquium, Am Sandwerder 5, 20 Uhr).

Die wichtigste Wochenfrage der literarischen Welt lautet natürlich: Wer gewinnt den Internationalen Literaturpreis, der vom „Haus der Kulturen der Welt“ und der Stiftung Elementarteilchen zum zweiten Mal vergeben wird? (Preisverleihung Mittwoch, 29.9., Haus der Kulturen der Welt, 20 Uhr). In die engere Auswahl haben es Romane von Edouard Glissant, Yasmina Khadra, Yiyun Li, Shahriar Mandanipur, Dinaw Mengestu, Daniyal Mueenuddin und Marie NDiaye geschafft.

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