SCHREIB Waren : Zentralorgan Leber

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Selbst Friedrichshagen, der Luftkurort am Müggelsee, hat eine reiche literarische Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts gründeten hier Wilhelm Bölsche und Bruno Wille den „Friedrichshagener Dichterkreis“, in dem Erich Mühsam, Knut Hamsun und sogar August Strindberg wirkten, auch Else Lasker-Schüler ging ein und aus. Überhaupt tarnten sich während der Wilhelminischen Zeit in Friedrichshagen viele Reformer als Sommergäste.

1962 gründeten Manfred Bieler und Johannes Bobrowski dann den „Neuen Friedrichshagener Dichterkreis“, bei dem es sich allerdings wohl um einen Scherz handelte, denn unter Paragraf 8 der Statuten heißt es: „Das Zentralorgan des Friedrichshagener Dichterkreises ist die Leber. Besondere Mitteilungen erfolgen durch das Herz.“ Johannes Bobrowski ist wiederum im Friedrichshagen von heute die Lesereihe „Bobrowskis Mühle“ gewidmet. Jeden ersten Donnerstag eines Monats stellen im Café MokkaMehr zwei Berliner Autoren eigene Texte und Arbeiten von Bobrowski vor. Am 5.8. um 20 Uhr lesen Friederike Kenneweg und Annika Scheffel, die aus ihrem in diesem Frühjahr erschienenen fulminanten Debütroman „Ben“ vortragen wird (Bölschestraße 7).

Anfang August, die allerersten Herbstbücher liegen zwar schon in den menschenleeren Buchhandlungen, aber die meisten Lesungsorte machen Sommerpause. Die Häuser, die noch geöffnet haben, verlegen ihre Veranstaltungen nach draußen. Bei „Lyrik am See“ treten heute um 20 Uhr im Literarischen Colloquium der polnische Lyriker Tadeusz Dabrowski und der Deutsche André Rudolph auf, deren beider Arbeiten von dem ambitionierten Wiesbadener luxbooks Verlag herausgegeben werden. Dabrowski gelingt in „Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund“ laut Verlag das Vermischen von Erhabenem und Alltäglichem, wobei auch Internet und Pornografie eine Rolle spielen. André Rudolph, Jahrgang 1975, wurde im Mai erst mit dem Meraner Lyrikpreis ausgezeichnet. Anlässlich seines Bandes „Fluglärm über den Palästen der Restinnerlichkeit“ sprach die Jury von einer „lyrischen Stimme voll abgründiger Leichtigkeit und selbstironischer Verzweiflung“ (Am Sandwerder 5).

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