Kultur : Schreiben, Wohnen

Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno

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In seinem Text richtet der Schriftsteller häuslich sich ein. Wie er mit Papieren, Büchern, Bleistiften, Unterlagen, die er von einem Zimmer ins andere schleppt, Unordnung anrichtet, so benimmt er sich in seinen Gedanken. Sie werden ihm zu Möbelstücken, auf denen er sich niederlässt, wohlfühlt, ärgerlich wird. Er streichelt sie zärtlich, nutzt sie ab, bringt sie durcheinander, stellt sie um, verwüstet sie. Wer keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das Schreiben zum Wohnen. Und dabei produziert er, wie einst die Familie, unvermeidlicherweise auch Abfall und Bodenramsch. Aber er hat keinen Speicher mehr, und es ist überhaupt nicht leicht, vom Abhub sich zu trennen. (...) Die Forderung, sich hart zu machen gegens Mitleid mit sich selber, schließt die technische ein, (...) alles zu eliminieren, was als Kruste der Arbeit sich ansetzt (...) Am Ende ist es dem Schriftsteller nicht einmal im Schreiben zu wohnen gestattet.

Aus: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 19451947/1964. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1997. Bd. 4

WAS ADORNO SAGT (24)

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