Kultur : Schreibfelder

Thea Herold

über eine lange Liste und das große Krabbeln Ein anerkannter Großmeister für geduldige Konzeptarbeiten ist der 1933 geborene Japaner On Kawara . Am 10. Mai 1968 begann er, die Namen aller Menschen, die er traf, aufzuschreiben. Schlicht einen Namen pro Zeile, sauber untereinander, jeden Tag. Als ihm am 17. September 1979 in Stockholm sein Koffer mit Datumsstempel und Notizbuch abhanden kam, beendete er kurzerhand nach zwölf Jahren das Werk. Er hatte Namen auf insgesamt 4790 Seiten aufgelistet. Daraus sind zwölf Bücher entstanden, die erst vor einem Jahr von seiner belgische Verlegerin Michele Didier in Brüssel ediert wurden. Stolz präsentierte sie die Bücher in diskretem grauen Leineneinband auf der Art Basel unter Glas (Auflage 90, je 10000 Euro). Die Berliner Galeristin, Verlegerin und Buchliebhaberin Barbara Wien stellt sie jetzt ungeschützt auf einer langen hellen Holzplatte aus (Linienstraße 158, bis 23. April) . Und erst beim Blättern entfalten sie ihre ganze schlichte Schönheit. Eine Schreibskulptur par excellence.

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Writing Performances der völlig anderen Art zelebriert der Belgier Jan Fabre . Schon während seiner Schulzeit hatte er ein Faible für weiße Kisten, die er mit blauen Kugelschreiberstrichen überzog. Bald fand er für sich auch Arbeitsfelder im Theater und auf der Opernbühne. Er wechselte die Medien, filmte und schrieb Texte. Dann entstanden Objekte und Mode aus Skarabäuskäfern – gewissermaßen das große Krabbeln als Kleid. Zwei dieser (alb)-traumartigen Objekte sind zurzeit in der Berliner Galerie Artist zu sehen (Fasanenstraße 68, bis 29. März). Eine Schaufensterpuppe darunter fehlt, doch so wirkt der animalische Baustoff umso lebendiger. Die Installation „Battlefield“ ist dagegen eine präzise inszenierte Schlacht der Skarabäus-Krieger. Auf einer Landschaft aus hellem Wachs formieren sich die grünlich glänzenden Käferscharen, Reihe in Reihe und nach vorne zum Keil gespitzt. Auf dem zweiten Tisch ist die Schlacht vorbei. Landschaft und Käfer sind von brauner Farbe überzogen. Auf kleinen Aquarell-Studien (ab 350 Euro) skizziert der Künstler den Verlauf der Schlacht. Im Nachbarraum widmet sich Fabre unter dem Titel „Vlaams Landschap“ dann noch seiner heimischen Gegend: zwei bedeutungsfreie monochrome Farbfelder, dazwischen eine im gleichen Ton übermalte Herren-Büste. Fabre inszeniert hier nicht mehr als ein weiteres dekoratives Bühnenbild, schreibt einen Gesamtpreis von 65000 Euro daneben und überlässt den Fortgang der Schlacht um die Kundschaft dem Galeristen.

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