SCHREIB Waren : Das doppelte Leben

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Die Wahl von Felicitas Hoppe zur diesjährigen Büchner-Preisträgerin wurde von der Kritik fast einhellig begrüßt. Nach Bekanntgabe der Entscheidung erschienen allerorten Porträts über die Gekürte. Diese haben eines gemeinsam: Sie sind eigentlich Doppelporträts. Denn einerseits gibt es natürlich Daten und Fakten, andererseits gibt es aber auch Hoppes Roman „Hoppe“, der Auskunft über das Leben der Autorin zu geben verspricht. Diese von ihr als „Traumbiografie“ bezeichnete Lebensbeschreibung weicht nun ganz erheblich von den Fakten ab. Wer also ist Felicitas Hoppe? Geboren in Hameln und dort aufgewachsen, wie eine von ihr autorisierte Kurzvita anzeigt? Oder ist sie, wie „Hoppe“ behauptet, als Vierjährige nach Kanada emigriert? Vielleicht geht es ja auch um das Recht, sich selbst zu erfinden. Wer etwas über diese oder jene Hoppe erfahren möchte, kann sie am Donnerstag befragen (20.30 Uhr, Buchhändler-Keller, Carmerstr. 1).

Die Lesung mit Ernst-Wilhelm Händler scheint hingegen einen ganz handfesten Gegenstand zu haben. Es geht um das „Erzählen vom Geld“. Aber mutet Geld nicht gelegentlich ebenso fantastisch an wie eine Traumbiografie? Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler ist selbst Unternehmer, er beschreibt die Welt des Kapitals und der Finanzen – etwa in „Wenn wir sterben“ – auch als Sprachform. Der Kapitalismus, dies machen Händlers Texte deutlich, wirkt gegenwärtig als Ökonomisierung aller Lebenssphären bis in das Innerste der Menschen hinein. Am Montag liest der Autor aus seinem Werk, das anschließende Gespräch führt die Literaturwissenschaftlerin Andrea Jäger. Vielleicht beantwortet sich da endlich auch mal Johann Nepomuk Nestroys uralte Frage: „Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?“ (20 Uhr, Palais am Festungsgraben, Festungsgraben 1).

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