SCHREIB Waren : Die Liebe ist ein Virus

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Die schlechte Nachricht zuerst: Es ist kein Brenner-Krimi. Und nun die gute: Wolf Haas hat einen neuen Roman geschrieben. Der Titel: „Verteidigung der Missionarsstellung“. Das Problem des Protagonisten Benjamin Lee Baumgartner ist allerdings weniger die Rechtfertigung einer vielleicht konventionell zu nennenden Sexualpraktik, als vielmehr die Tatsache, dass seine Verliebtheitsgefühle offenbar Seuchen auslösen: Kaum das erste Mal in London und frisch verliebt, bricht dort die Rinderseuche aus, beim zweiten Mal folgt in Peking auf Amors Pfeil die Vogelgrippe, später findet sich der erneut verliebte Held als erstes registriertes Opfer der Schweinegrippe wieder. Deshalb bittet er seinen Freund, den Autor Wolf Haas: „Sollte ich je wieder Symptome von Verliebtheit zeigen, musst du sofort die Gesundheitspolizei verständigen, versprich mir das.“ Ob das geklappt hat, kann man bei der Lesung im Astra Kulturhaus am Donnerstag (20 Uhr, Revaler Str. 99) beim Autor in Erfahrung bringen. Darüber hinaus darf man gespannt sein, wie Haas die Lesung gestaltet, denn das Buch folgt ganz und gar nicht den Lese- Konventionen: Mal sind Sätze diagonal gedruckt, mal sind ganz Seiten leer oder auch auf Chinesisch geschrieben.

Der von uns schwer vermisste Detektiv Simon Brenner bringt uns auf die Idee, mal wieder nach Krimis Ausschau zu halten. Da passt es, dass an diesem Dienstag die Krimi-Reihe „Mörderischer Herbst“ startet. Als erste Autorin liest Anne Riebel aus dem Regionalkrimi „Riesling Pur oder ein mörderischer Jahrgang“, in dem es nicht nur um einen Kindermord in einem Winzerdorf in der Eifel, sondern auch um Lokalkolorit, nämlich die dortige Lebensart geht (19 Uhr, Anna-Seghers-Bibliothek, Prerower Platz 2). Tags darauf, kann man sich in einer deutsch-polnischen Lesung über die kriminellen Umtriebe in unserem Nachbarland informieren: Es lesen die Autorin Izabela Szolz und der Schauspieler Leo Solter aus „Ein stiller Mörder“ (19.30 Uhr, Buchhandlung Miss Marple, Weimarer Str. 17).

Nach so viel Mord und Totschlag möchte man glatt das Dasein preisen und greift zu Sibylle Bergs neuem Roman „Vielen Dank für das Leben“. Doch wer eine optimistisch stimmende Lektüre erwartet, hat die Rechnung ohne die Autorin gemacht. Denn der Lebensweg der intersexuellen Figur Toto gleicht einem Gang durch die Hölle. Toto, 1966 in der DDR geboren und später in den Westen ausgereist, erlebt durchgehend nur Schlechtigkeit, Gewalt und Sadismus: Die Mutter gibt ihr Kind ins Waisenhaus, von der Erzieherin wird es an einen Bauern verkauft, später tritt Toto als Sänger/in auf und wird als Freak verachtet. Wie weiland Voltaires Held Candide ist Toto von freundlichem Wesen, während der Rest der Menschheit in dieser Generalabrechnung als Abschaum firmiert. Doch während Candide letztlich einsah, dass die Welt schlecht ist, schützt sich Toto vor dieser Erkenntnis im eigenen Gesang. Die Buchpremiere mit der Autorin und den Schauspielern Katja Riemann und Matthias Brandt findet am Montag im Berliner Ensemble statt (20 Uhr, Bertolt- Brecht-Platz 1).

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