SCHREIB Waren : Ein Hühnchen namens Rudi

Thomas Wegmann

Neulich war auf dem Titel eines Stadtmagazins das Foto einer Schriftstellerin zu sehen. Sie saß auf einem floral gemusterten Sofa vor einer floral gemusterten Tapete und hatte ein Huhn auf dem Schoß. Es handelte sich um die Schriftstellerin Karen Duve, deren Buch „Anständig essen“ kürzlich erschienen ist und die mit einem Maultier, einem Pferd, einem Esel, zwei Katzen und zwei Hühnern auf dem Lande lebt. Das Huhn hatte sie in einer Art „Free-Willy“-Aktion aus einem Massentierhaltungsbetrieb befreit und auf den Namen Rudi getauft. Seitdem lebt Rudi komfortabel auf ihrem Hof.

Das Bild der Frau mit einzelnem Huhn ist ein Gegenbild zur Massentierhaltung, wo Tausende von Hühnern zwecks Eier- und Fleischproduktion in riesigen Hallen zusammengepfercht sind. Es steht aber auch für die Geschichte einer massenmedial sozialisierten Generation, die von Lassie, Fury und Flipper bis zum Orca Willy, der Weihnachtsgans Auguste und dem Schweinchen Babe gelernt hat, Tiere nicht nur als Hilfsknechte oder Fleischlieferanten, sondern als Film- und Fernsehfreunde zu schätzen. Auch dafür steht Rudi: Man isst anders mit der Vorstellung, dass das Grillhähnchen statt tot auf dem Teller auch vergnügt auf dem eigenen Schoß liegen könnte.

Duves Buch ist das leicht ironisch verfasste, aber moralisch ernst zu nehmende Gegenstück zu Heinz Strunks schwer ironischem Pamphlet „Fleisch ist mein Gemüse. Der Mensch ist kein Beilagenesser“. Am Donnerstag um 20 Uhr stellt sie es im FritzClub im Postbahnhof vor, zusammen mit Jonathan Safran Foer, der das Buch „Tiere essen“ geschrieben hat. Anders als es der Titel nahelegt, plädiert es dafür, weniger Tiere zu essen. Zwar ist die Veranstaltung bereits weitgehend ausverkauft. Doch erstens gibt es noch Restkarten bei der veranstaltenden Buchhandlung BUCHBOX! (Grünbergerstr. 68). Zweitens wird alles per Live-Stream in den Nebenraum übertragen.

Duves Buch ist das Ergebnis eines Selbstversuches, der mit Bio-Produkten begann und bei Obst- und Gemüsesorten endete, deren Verzehr nicht die gesamte Pflanze zerstört. Sie selbst hat es „eine Art Entwicklungsroman“ genannt. Als ein Solches kann man getrost auch das Leben des Dichters Stefan George bezeichnen, zumal auch dieses eine Affinität zu Askese und Selbstversuchen verschiedenster Art aufweist. So berichtet eine Freundin von Georges Übungen im Dursten, „um zu sehen, was man aushält“, eine andere davon, wie ihm nur eine Decke auf dem Fußboden als Schlafplatz und ein Stück trockenes Brot als Abendmahlzeit genügte. Mit einem hochkarätig besetzten Podium zu Stefan Georges Werk und Wirkung wird am Mittwoch um 20 Uhr eine neue Reihe in der Literaturwerkstatt (Knaackstr. 97) eröffnet. Sie heißt „Wieder entdeckt“, wird von dem Dichter Norbert Hummelt kuratiert und begibt sich auf die Suche nach Solitären in der Poesiegeschichte. Bei George waren Dichtung und Leben eins, und hier wie da spielte Freundschaft eine große Rolle – allerdings mehr zu poesiebegeisterten Jünglingen als zu tierischen Kein-, Zwei- und Vierbeinern. Ob das am fehlenden Fernsehen lag?

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