Schreibwaren : Ein Körnchen Wahrheit

Das mediale Bild vom Krisenherd ist selten die ganze Wahrheit. Steffen Richter über das Geschäft mit der gemachten Neuigkeit.

Steffen Richter

Man kennt das: In Bagdad oder Beirut, sagt der Reporter in den Abendnachrichten, sei es zu gewaltsamen Zusammenstößen gekommen. Dann werden Bilder von Jugendlichen eingespielt, die Militärfahrzeuge mit Steinen bewerfen. Und gelegentlich schwant einem, dass das Verhältnis zwischen diesen Bildern und der Wirklichkeit komplex sein könnte.

Reporter mögen wahrheitsliebende Menschen sein – das mediale Bild vom Krisenherd aber ist selten die ganze Wahrheit. Das hat einen simplen Grund: Eine Nachricht, so steht es in journalistischen Lehrbüchern, muss neu, wichtig oder interessant sein. Also etwas, das von alltäglichen Routinen abweicht. Über die Routinen selbst wird seltener berichtet. Darüber, wie Meldungen als interessant genug ausgewählt und Sprachregelungen wie „Staatschef“ oder „Diktator“, „Terrorist“ oder „Freiheitskämpfer“ beschlossen werden und auch die visuelle Inszenierung derselben mitbestimmen. Einer der besten deutschen Romane zu diesem Thema ist fast 30 Jahre alt, stammt von Nicolas Born und heißt „Die Fälschung“.

Zur aktuellen Lage an der Nachrichtenfront hat der niederländische Journalist Joris Luyendijk einiges zu sagen: Unser Bild des Nahen Ostens, behauptet er, sei gefiltert, verzerrt, manipuliert, vereinfacht und parteiisch. Luyendijk (Jg. 1971) war fünf Jahre als Auslandskorrespondent im Nahen Osten. In „Wie im echten Leben“ (Tropen) erzählt er von grotesken Auswüchsen der politischen Berichterstattung. Am 27.9. (19 Uhr 30) diskutiert er in der niederländischen Botschaft (Klosterstr.50, Mitte) mit dem ehemaligen ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster über Praktiken des Krisenherdjournalismus. (Anmeldung per E-Mail unter: bln-pcz@minbuza.nl)

Selbst ein Großer seines Faches, der im Januar verstorbene polnische „Reporter des Jahrhunderts“ Ryszard Kapuscinski, war gegen Verzeichnungen nicht gefeit. Ständig war er unterwegs – vor allem in sogenannten Drittweltländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Für gewöhnlich verbürgt die Anwesenheit vor Ort Glaubwürdigkeit. Doch einiges in seinen Büchern, hat man angemerkt, lese sich zu schön, um wahr zu sein. Es gebe fantasievolle Übertreibungen, Ausschmückungen und Ungenauigkeiten. Hinsichtlich eines Afrikabuches war im „Times Literary Supplement“ sogar von „tropical baroque“ die Rede. Seinem glühenden Adepten Ilija Trojanow aber ist gerade Kapuscinskis erzählerisches Talent wichtig, die Fähigkeit, seine Geschichten „zu einer höheren Wahrheit“ zu destillieren. Trojanow, selbst ein großer Reisender, hat eine Auswahl von Kapuscinski-Reportagen zusammengestellt („Die Welt des Ryszard Kapuscinski“, Eichborn) und präsentiert sie am 1.10. (20 Uhr) im Literaturhaus (Fasanenstr. 23, Wilmersdorf). Die Grenze zwischen Journalismus und Roman jedenfalls scheint fließend zu sein. Das belegen auch die Heerscharen von Journalisten, die sich in den letzten Jahren als Schriftsteller versuchen. Manchmal geht das nicht schlecht. Richtig gut aber geht es selten. Doch das ist eine andere Geschichte.

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