SCHREIB Waren : Ein Zug nach Nirgendwo

Wohin die Reise geht, wissen weder das Mumpelmonster noch der Mann mit den zwei Augen. Fangen wir mit dem Mumpelmonster an. Das kleine grüne Wesen mit den Flatterohren sieht sich vor folgendes Problem gestellt: Es ist in einen Zug geraten und will nun wissen, wohin dieser fährt. Also fragt es die Passagiere. Doch in jedem Waggon wird etwas anderes behauptet: Laut Walfisch geht es in die Tiefsee, die Verbrecher wollen, da auf der Flucht vor der Polizei, nur weg von hier, während der Versicherungsvertreter unbedingt in eine Porzellanhandlung möchte – schließlich reist er nicht zufällig mit einem Abrissroboter.

In seinem neuen Kinderbuch „Mumpelmonster – Wo geht die Reise hin?“ lässt Zeichner Roland Brückner Mumpel ein spannendes Abenteuer erleben, an dessen Ende die Frage steht, wo der Zug anfängt und endet und ob es überhaupt eine Lokomotive gibt. Hier ist man ganz existenziell unterwegs. Beim Schreiben, so Brückner in einem Interview, achte er darauf, dass es niemals eine Moral von der Geschicht’ gebe, die man in einem Satz erklären könne. Es solle immer etwas offen bleiben, das die Eltern den Kindern erklären müssten. Das können durchaus auch mal toxische Derivate sein, die eine Figur auf dem Rücken herumschleppt. Über seine Geschichten lachen alle Generationen – wenn auch nicht über die gleichen Dinge. Neues aus der Mumpelwelt erfährt man am Sonntag, wenn Sandrine Mittelstädt liest und Roland Brückner zeichnet (15.30 Uhr, BKA Theater, Mehringdamm 34).

Und auch „Der Mann mit den zwei Augen“ – Held des gleichnamigen Romans von Matthias Zschokke – ist in einem existenziellen Sinne unterwegs. Anders als das Mumpelmonster weiß er zwar, an welchen Ort er reisen wird, kennt diesen aber nicht. Er fährt nur deshalb in die Kleinstadt Harenberg, weil die Frau, mit der er zusammenlebte und die sich nun umgebracht hat, immer von dieser Stadt geschwärmt hatte. Der Mann, der sich selbst als völlig unscheinbar definiert und sich einen „Gemütsalbino“ nennt, weil ihm eine Tasse Kaffee wichtiger sei als der Zustand der Welt, will in Harenberg ausruhen, schlafen, seine Ruhe haben – und sich später auch erhängen. Doch so einfach ist das nicht. Er landet in der Bar der Prostituierten Rosaura. Nicht, dass hier gleich das wilde Leben toben würde, aber mit der totalen Seelenagonie ist es vorbei. Der in der Schweiz geborene Matthias Zschokke ist ein Meister der leisen Töne, er beschreibt das Alltagsleben von seiner unspektakulären, dafür aber umso abgründigeren Seite. Am Mittwoch liest der Autor, es moderiert Jörg Magenau (20 Uhr, Literaturforum, Chausseestraße 125).

Und zum Schluss begegnen wir noch einem Wiedergänger: dem Gespenst des Kommunismus. Zumindest am Samstag, wenn der Schauspieler Rolf Becker das „Kommunistische Manifest“ liest. Die Lesung wird auch auf CD erscheinen. Das ist sinnvoll, denn sollte es mit dem Kommunismus noch dauern, müssen alte Gespenster auch in neuen Medien herumgeistern können (19 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben