SCHREIB Waren : Es ist alles eitel

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Grundsätzliches zur Vergeblichkeit allen Tuns formulierte der Barockdichter Andreas Gryphius: „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. /Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein.“ Wer wüsste dies besser als der Berliner? Die Mauer teilte die Stadt, 28 Jahre lang – und ist doch heute nur noch eine ferne Erinnerung. Deren physische Bestandteile zudem weit verstreut sind. Am Mittwoch begibt sich Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, um 19.30 Uhr in der Gedenkstätte Berliner Mauer (Bernauer Str. 119) auf Spurensuche: Sie liest aus dem von ihr herausgegebenen Buch „Die Berliner Mauer in der Welt“, das von 120 Segmenten der Mauer erzählt, die es in 40 Länder verschlagen hat.

In Berlin selbst ist vor allem der Grenzübergang Checkpoint Charlie eine Touristenattraktion geblieben. Die in der Nähe des Checkpoints liegende Forum Factory (Besselstr. 13-14) präsentiert die Kunstausstellung „East meets West“ mit zeitgenössischer Kunst aus Europa; im Rahmenprogramm liest am Samstag Ingrid Hammer um 19 Uhr aus ihrem Erzähl- und Lyrikband „Adoptiertes Glück“.

Und jetzt verbeißen wir uns alle Witze, die der Titel „Der letzte Grieche“ angesichts des maroden hellenischen Finanzsystems nahelegen könnte. Nicht um etwaige Fluchtbewegungen aus dem heutigen Griechenland geht es in Aris Fioretos’ neuem und hoch gelobtem Roman, sondern ebenfalls um Spurensuche. Zum einen wird die Geschichte des Bauern Jannis Georgiadis erzählt, den es in den 60er Jahren der Liebe wegen nach Schweden zieht. Zum anderen wird das groß angelegte Erinnerungsprojekt beschrieben, das die 1922 aus Smyrna vertriebene Großmutter des Erzählers verfolgt: Mithilfe ihrer in aller Welt wohnenden Freundinnen will sie eine Enzyklopädie aller Exilgriechen erstellen, um diese zumindest zwischen den Buchdeckeln wieder zu vereinen. Fioretos liest am Donnerstag um 20.30 Uhr im Buchhändlerkeller (Carmerstr. 1).

Je nach Sicht apokalyptische oder utopische Perspektiven werden auch am Montag um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus (Chausseestr. 125) debattiert: „Nach dem Kapitalismus“ ist der Titel des neuen Buchs des Schriftstellers und Politologen Raul Zelik. Im Gespräch mit Wolfgang Engler und Gregor Gysi geht es um die Perspektiven der Emanzipation und die Möglichkeit, das „Projekt Communismus“ neu zu denken.

Zurück zu Gryphius und seiner Vision, die vielleicht ins postkapitalistische, sicher aber ins anstehende ökologische Zeitalter passt: „Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein, / Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.“ Angesichts des angekündigten hochsommerlichen Wetters halten wir uns allerdings zunächst an die biblische Prognose: „Alles ist eitel und Haschen nach Wind.“

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