SCHREIB Waren : Exzentrische Existenzen

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Er war wohl das, was man einen writers writer nennt, von Autoren hoch geschätzt, vom Publikum weitgehend übersehen. Herman Bang, der dänische Exzentriker, der zum Ende des 19. Jahrhunderts die überbordende Champagnerlaune eines von sich selbst berauschten Kopenhagener Bürgertums brillant in Szene setzte („Stuck“, 1887) oder in Romanen wie „Am Weg“ (1886) die Ödnis und die kleinen Freuden des Provinzlebens in impressionistisch hingetupften Szenen einfing. Thomas Mann ließ sich für die „Buddenbroocks“ von Bangs Familienroman „Hoffnungslose Geschlechter“ inspirieren. Hesse schrieb nach Bangs Tod: „Es weiß also in Deutschland noch fast niemand, dass seine Bücher Meisterwerke sind.“

Es ist allerdings auch anderes überliefert: Ein Arzt, den Bang wegen einer seiner zahlreichen Krisen aufsuchte, schrieb: „Kaum ein Satz wird normal und natürlich ausgesprochen. Vielmehr wird alles auf eine affektierte und deklamatorische Art ausgedrückt.“ Herman Bang muss ein rechter Geck gewesen sein. Er ließ sich die Nägel maniküren, trug rotseidene Strümpfe und bestickte Handschuhe, und er liebte den theatralischen Auftritt. Auch wenn er wegen seiner genauen Figurenzeichnung der „Tschechow Dänemarks“ genannt wurde, sein überspanntes Gebaren lässt eher an Klaus Kinski denken. Bangs Tragik bestand darin, dass er sich für den besseren Schauspieler hielt und nie vergessen konnte, dass er als junger Mann vom Königlichen Dänischen Theater abgewiesen worden war. Trotz seines gesellschaftlichen Ehrgeizes – Bang blieb ein Außenseiter und wurde immer wieder wegen seiner Homosexualität angefeindet. Seine journalistische Karriere fand ein abruptes Ende, als er seinem Schauspieldrang nachging und mit einem Soloabend übers Land tingelte – sein Chef entließ ihn, weil er Schauspieler als Gaukler verachtete. Nach einem Pornografieskandal zog Bang nach Berlin, wurde dort aber 1886 wegen Majestätsbeleidigung ausgewiesen, floh nach Wien und Prag. Um angesichts ständiger Existenznot überhaupt schreiben zu können, nahm er Drogen und trank im Übermaß. Er starb früh, schon im Alter von 54, am 29. Januar 1912. Aus Anlass des Todestages stellt der Übersetzer Ulrich Sonnenberg Bang und seine Bücher „Exzentrische Existenzen“ und „Ihre Hoheit“ am 7. 2. um 20.30 Uhr im Büchhändlerkeller vor (Carmerstraße 1).

Über die Exzentrik der (Möchtegern-) „Schönen und Reichen“ schreibt auch die Berliner Autorin Barbara Bongartz. Nachdem sie in „Topmodel“ aus dem Inneren einer Castingshow berichtet hat, handelt ihr jüngster Roman vom Berliner Partyleben und seltsamen Ereignissen in einer bayerischen Luxusvilla. „Ein bisschen Denver-Clan, ein bisschen Bayreuth-Zirkus“, schrieb eine Kritikerin (14. 2. Literaturhaus, Fasanenstraße 23, 20 Uhr).

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