Schreibwaren : Jetz is se uff, erst war se zu

Unser Autor Andreas Schäfer denkt über den richtigen Umgang mit Türen nach.

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Es war eine Preisverleihung von eher beschränktem, weil äußerst bürokratischem Charme, bei der im letzten Jahr in der Akademie der Künste der Berliner Kunstpreis verliehen wurde. Ein Förderpreisträger wurde Sektion für Sektion steif auf die Bühne gebeten und nahm den Preis ebenso steif an. Bis schließlich die Hauptpreisträgerin Emine Sevgi Özdamar ans Mikrofon trat. Dort stand sie erst mal und lächelte ein paar Sekunden still, während der Schalk nur so aus den Augenwinkeln sprühte. Schließlich – nachdem auf diese bescheidene wie wirkungsvolle Weise die steife Atmosphäre des Kulturbeamtentums vertrieben worden war – hub sie an: „Ich sitze, kieke, wundre mir, uff eenmal is se uff de Tür.“

Das Klops-Lied! Uff berlinerisch! Von einer in der türkischen Provinz geborenen Autorin, die als junge Frau ans Tor der Ost-Berliner Volksbühne klopfte, um das Brechttheater zu lernen, und nun Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist. Das Gedicht erzählte so bodenständig und ironisch vom Staunen ob des eigenen Lebensweges (und des Erfolges), dass die Dankesrede damit eigentlich schon wieder hätte vorbei sein können. Aber da Emine Sevgi Özdamar nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Schauspielerin ist, sang sie noch ein Lied, eine Liebeserklärung an Istanbul, das die „hüzün“, die spezielle Melancholie dieser Stadt, beschwört.

Es sind wahrlich einige Türen im Leben der Emine Sevgi Özdamar aufgegangen, am allerweitesten vielleicht die zwischen der türkischen und der deutschen Sprache. Freilich kommt der Tür auch in ihrem Werk eine wichtige Rolle zu. Der Titel eines frühen Romans lautet: „Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus.“ Die Tür trennt unterschiedliche Sphären oder ermöglicht den Übergang. Unter Umständen lässt sie allerdings auf verwirrende Weise auch den einen Bereich in den anderen übergehen. In ihrer neueste Arbeit, dem Theaterstück „Perikizi“, das Ende des Monats im Rahmen der „Odyssee Europa“ uraufgeführt wird, spielt die Autorin nicht nur mit Homers Mythos, sondern auch mit den Begriffen Europa, Heimat und Fremde, also mit Innen, Außen und Projektionen.

Diese Woche ist Emine Sevgi Özdamar gleich zweimal im Berlin zu erleben. Am Sonntag, den 7.2., spricht sie mit Gregor Gysi im Deutschen Theater über Leben und Schreiben (Schumannstraße 13a, 11 Uhr). Vorher, am Donnerstag, den 4.2., liest und spricht sie in der DAAD-Galerie (Zimmerstraße 90/91, 20 Uhr) mit dem bosnischen Romancier und Essayisten Dzevad Karahasan. Auch Karahasan ist ein Spezialist für Türen, der vor einigen Jahren in seinem wundervollen „Buch der Gärten“ gezeigt hat, wie mithilfe von Trennungen und Übergängen in moslemischen Parkanlagen das Heilige inszeniert wird.

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