SCHREIB Waren : Keine Angst vor Büchern

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Generell ist das mit der Realität so eine Sache: „I hate reality but it’s still the best place to get a good steak“, brachte Woody Allen die Sache auf den Punkt. Ob die Wirklichkeit zu mehr taugt, kann man an diesem Dienstag um 19.30 Uhr in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung (Tiergartenstr. 35), erfahren: Josef Winkler, Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2008, präsentiert sein neues Buch „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel“. Entstanden aus der Dankesrede zur Preisverleihung, handelt es sich um eine feinnervige Selbsterkundung, die den Werdegang eines Bauernsohnes aus einem Kärntner Dorf zum Schriftsteller beschreibt: Das Kind, das ohne Bücher aufwächst, stiehlt sogar Geld, um sich die ersten Bücher kaufen zu können.

Selbsterkundungen müssen ja nicht auf das eigene Ich beschränkt bleiben – ganz im Gegenteil. Mittlerweile stellen Generationenbücher ein eigenes Genre dar, das nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch auf einen Wiedererkennungseffekt zielt: Im Gemeinschafts-„Wir“ geschrieben, suchen diese Texte einer kollektiven Befindlichkeit auf den Grund zu gehen. „Wir haben (keine) Angst – Gruppentherapie einer Generation“ ist das neue Buch von Nina Pauer betitelt. Es handelt sich also um ein Lebensgefühl, das sich als das berühmte Pfeifen im Walde darstellt. Denn entgegen dem äußeren Anschein habe die „Generation Garnichts“, wie die Autorin ihre Kohorte der heute Dreißigjährigen nennt, Angst. Nur: Wovor? Quasi in Abwandlung des berühmten Diktums Theodor Adornos, es gebe kein richtiges Leben im falschen, leide ihre Generation an der Angst, „ein falsches Jetzt zu leben, das das richtige Später verhindert“. Wie diese seltsame Zeitschleifenproblematik nun wieder aussieht, kann man Donnerstag um 20 Uhr in der Kantine@Berghain (Rüdersdorfer Str. 70) erfahren.

Eher auf die vielfältigen Unterschiede setzt hingegen Annett Gröschner in ihrem neuen Roman „Walpurgistag“. Entstanden ist das Buch aus einem Aufruf: Die Bewohner Berlins sollten der Autorin ihre Erlebnisse am 30. April 2002, dem Tag vor dem traditionell krawallträchtigen 1. Mai, schildern. Eine Figur nutzt den Tag, um mit ihrem in einer Kühltruhe tiefgefrorenen Vater umzuziehen, eine andere erkennt, dass die Kunst gegenüber dem Leben manchmal ganz schön blass aussieht – zumindest in Neukölln. Entstanden ist ein wunderbares Stadtpanorama als Bild vielfältiger Welten, die sich immer wieder überkreuzen., „Berlin Alexanderplatz“ trifft „Short Cuts“: Am Freitag liest die Autorin mit Schauspielern des Ensembles um 19 Uhr im Theater an der Parkaue (Parkaue 29). Sie hat ihr Buch übrigens unter das schöne Motto Theodor Fontanes gestellt: „Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner“ – egal, welcher Generation sie angehören.

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