SCHREIB Waren : Kunst und Knochenjob

Steffen Richter über die wachsende Bedeutung von Übersetzern

Steffen Richter

Sage keiner, der Job des Übersetzers sei einfach oder gesundheitlich unbedenklich. Vor kurzem erst ist einer zusammengebrochen. Er könne nicht mehr, hatte der Dolmetscher von Muammar al Gaddafi ins Mikrofon gehaucht, dann kollabierte er. 75 statt der üblichen 15 Minuten hatte der libysche Staatschef vor der UN-Vollversammlung vor sich hin fabuliert, und er war noch längst nicht fertig.

Solche denkwürdigen Begebenheiten rufen in Erinnerung, dass nur wenige Menschen polyglott sind und Vermittler brauchen, wenn sie auf unbekannte Sprachen treffen. Bei literarischen Büchern hat sich das Bewusstsein für die sekundäre Urheberschaft der Übersetzer einigermaßen etabliert – zumindest im Hochkultursegment. Jede große Tageszeitung, jede Radiosendung nennt heute die Namen von Übersetzern, es gibt Institutionen und Förderer. Neu auf diesem Terrain ist „traduki“, ein Netzwerk für Übersetzungen „aus, nach und in Südosteuropa“. Etwa die von Edo Popovics Roman „Der Spieler“, der im Dresdner Verlag Voland & Quist aus dem Kroatischen übersetzt wurde. Um dieses Buch und das Wirken von „traduki“ geht es am 1.10. im LCB (Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 20 Uhr) – selbstverständlich mit Autor und Übersetzerin Alida Bremer.

Es hat sich eben herumgesprochen, dass Übersetzer ihre Texte oft nicht schlechter kennen als die Autoren. Auch deshalb lädt man den Berufsstand gern zu Lesungen ein. Besonders am Internationalen Übersetzertag am 30.9., an dem es zahlreiche Veranstaltungen geben wird. Etwa im Theater Ballhaus Ost (Pappelallee 15, Mitte, 15 und 16 Uhr), das in szenischen Lesungen von Übersetzungen „allgemeine Verunsicherung“ schafft und provokativ fragt: „Wissen Sie eigentlich, wen Sie lesen?“ Oder in der Lettrétage (Methfesselstraße 23-25, Kreuzberg, 20 Uhr), wo der Übersetzer Ulrich Kunzmann den mexikanischen Schriftsteller Sergio Pitol und seinen autobiografischen Essay „Kunst der Flucht“ vorstellt.

Besonders wichtig aber ist die Verleihung des neu geschaffenen Internationalen Literaturpreises im Haus der Kulturen der Welt (John-Foster-Dulles-Allee 10 Tiergarten, 19 Uhr 30). Prämiert werden der Autor und die deutsche Erstübersetzung seines Romans – also mal keine Neuübertragung eines gut abgehangenen Klassikers. Ilja Trojanow hält die Festrede und der Romanist Ottmar Ette die Laudatio auf den Preisträger, der laut Shortlist aus Peru, dem Iran oder Libanon, Bosnien-Herzegowina, Äthiopien oder Argentinien stammen wird.

Richtig interessant aber wird sein, wie es mit übersetzungspolitisch wichtigen Themen wie Urheberrecht, Kulturflatrate und Künstlersozialkasse unter der neuen Bundesregierung weitergeht. Vor der Wahl klangen die schwarz-gelben Auskünfte sehr verhalten.

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