SCHREIB Waren : Lumpensammler & Leichtmatrosen

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Literatur beschäftigt sich mit allen Untiefen, die das Leben so bietet. Doch rezipiert wird sie meist in gediegenem Ambiente, dessen Vorbild der literarische Salon ist. Hier lauscht man Höherem, Geistigem, eben Erlesenem. Manche Dichter haben ganz andere Selbstbilder erfunden. Der Autor sei ein Lumpensammler, fand etwa Charles Baudelaire, näher an den gesellschaftlichen Verachteten als an der Bourgeoisie. Grund genug, einen untypischen Veranstaltungsort aufzusuchen. Am Dienstag liest Ursula Burkowski um 17 Uhr im Rahmen der Eröffnung einer WG für wohnungslose Menschen bei mitHilfe (Wipperstr. 18) aus ihrem Roman „Monbijou“.

Auch das Literarische Colloquium (Am Sandwerder 5) ist frisch renoviert und eröffnet am Mittwoch hochkarätig: Clemens J. Setz liest um 20 Uhr aus seinem Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, für den er den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse verliehen bekam. Die Geschichten sind düster, die Gefühle finster, und wenn einer ein Wunder erlebt, so sein blaues. Prostitution, Pornografie und Fantasmen gehen hier eine eigenwillige, sprachmächtige Melange ein.

Das „Mahlstädter Kind“ ist eine niemals trocknende Lehmskulptur, auf die nach dem Willen des Künstlers eingeschlagen werden soll. Soll man dies als Metapher für die Kindheitsdeformationen lesen? Peter Wawerzinek schildert in „Rabenliebe“ das Zurückgelassenwerden durch die Mutter und seine anschließende Existenz in den Kinderheimen der DDR. Der Autor liest am Freitag um 20.15 Uhr im Studio des Maxim Gorki Theaters (Hinter dem Gießhaus 2) aus seinem autobiografischen Roman, für den er 2010 den Bachmann-Preis erhielt.

Nicht wirklich fröhlich, aber durchaus komisch geht es in Helmut Kraussers Roman „Die letzten schönen Tage“ zu, der schon im Titel Endzeitliches signalisiert. Am Freitag liest der Autor um 20 Uhr in der Buchhandlung Stadtlichter (Bürknerstr. 1) aus seinem Roman um einen Werbetexter, der auf sehr zwanghafte Weise seine Liebe retten will.

Am Freitag startet auch das Poesiefestival. Bleiben wir mit Baudelaire auf der Straße und werden Teil der sozialen Installation, die am Freitag um 17 Uhr, ab Samstag dann täglich ab 10 Uhr am U-Bahnhof Brandenburger Tor entsteht: Berliner Lyriker erschaffen in direktem Kontakt mit dem Publikum Gedichte. Und im Rahmen von 48 Stunden Neukölln – dessen diesjähriges Motto stadtteiladäquat „Luxus“ lautet! – kommen am Sonntag auch Wasserratten auf ihre Kosten: Stündlich von 11 bis 18 Uhr legt an der Brücke Wildenbruchstraße/Weigandufer die „Spree-Prinzessin“ ab. An Deck des Kahns lesen Lyriker. Bei freiem Eintritt reiner Lyrikluxus für alle: Ahoi, Lumpensammler und Leichtmatrosen!

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